Geschätzte Leserinnen und Leser,
heute möchte ich mit Ihnen über ein Phänomen sprechen, das uns im digitalen Alltag begegnet und das ich liebevoll die „analogen Geister in der digitalen Welt“ nenne. Man sitzt da, tippt auf dem schicken Smartphone, diesem Wunderwerk der aktuellen Technik, und was macht man, um ein Gespräch anzunehmen? Man drückt auf einen grünen Hörer! Einen Hörer, den wir seit Jahrzehnten nicht mehr in der Hand hatten, es sei denn, man gehört zur seltenen Spezies der Festnetz-Enthusiasten. Oder man sucht in der E-Mail-App nach der Funktion „CC“ – die Abkürzung für Carbon Copy, also Kohlepapier! Man möchte fast laut lachen über diesen kleinen Witz der Technikgeschichte, der uns täglich begegnet.
Die Zähigkeit der Gewohnheit im Cyberspace
Dieses Phänomen, dass digitale Dinge aussehen wie ihre längst überholten, physischen Vorgänger, trägt den schicken Namen UI-Skeuomorphismus. Das „UI“ steht für User Interface (Benutzeroberfläche), und der Rest ist, wie so oft, Altgriechisch: Skéuos für ‚Gerät‘ oder ‚Werkzeug‘ und Morphḗ für ‚Form‘ oder ‚Gestalt‘. Es beschreibt, dass wir die Form eines alten Werkzeugs beibehalten, obwohl das Werkzeug selbst längst in Rente ist.
Wir brauchen eine Brücke, ein vertrautes Bild, um eine neue Funktion zu verstehen.
Als ich damals meine Schuhmacherwerkstatt in Großsteinberg eingerichtet habe, musste auch ich mich an neue Maschinen und Abläufe gewöhnen. Doch selbst bei aller Modernisierung behielt ich meinen alten, bewährten Arbeitshocker – nicht etwa, weil er bequemer war, sondern weil er mir vertraut war. Genauso ist es mit diesen digitalen Fossilien: Sie sind die Platzhalter für eine Funktion, die wir schon lange verstehen. Sie dienen als Leitplanke der Vertrautheit auf der holprigen Straße des digitalen Wandels. Die Technik ändert sich permanent, aber unser Gehirn klammert sich an vertraute Symbole und Handlungen.
Die unverwüstliche Galerie der Überlebenskünstler
Sehen Sie sich nur diese kleinen Helden des Alltags an:
- Die Diskette: Sie ist das unsterbliche Symbol für „Speichern“, obwohl kaum jemand mehr weiß, wie man so ein Ding überhaupt in einen Rechner schiebt. Ein wahrer Methusalem unter den Icons!
- Der „Wagenrücklauf“-Pfeil: Die Enter-Taste auf Ihrer Tastatur symbolisiert noch immer den Mechanismus einer Schreibmaschine. Es ist, als würde man jedes Mal, wenn man eine Zeile beendet, mechanisch den Wagen zurückschlagen. Ein absurdes Relikt!
- Das Auflegen: Wenn man ein Gespräch beenden will, drückt man auf ein stilisiertes Bild eines Hörers, der auflegt – also auf die Gabel eines Festnetztelefons gelegt wird.
Diese analogen Geister sind also kein faules Design, sondern eine Überlebensstrategie des Fortschritts. Sie haben uns geholfen, den Sprung von der mechanischen in die digitale Ära zu schaffen, ohne dass wir uns dabei ein Bein gebrochen haben. Ohne die vertraute Form hätten wir die neuen Funktionen vielleicht gar nicht so schnell und einfach begriffen.
Ob es nun der alte Arbeitshocker, der seit Jahrzehnten seinen Dienst tut, oder die digitale Diskette auf dem Bildschirm ist: Es sind manchmal die kleinen, unscheinbaren Details, die am stärksten sind. Sie geben uns Halt und zeigen uns, wie tief Traditionen – selbst in der schnelllebigen Technik – verwurzelt sein können.
Der Skeuomorphismus beweist, dass der Mensch selbst im Angesicht der Revolution ein Gewohnheitstier bleibt. Er möchte neue Wege gehen, aber bitte auf alten Pfaden.
Und so schließt sich der Kreis: Ob im Lederhandwerk oder in der Software-Entwicklung – manchmal muss man nur so tun, als hätte sich nichts verändert, damit die Leute bereitwillig den größten Wandel mitmachen.
Herzlichst, Ihr Karl Pfefferkorn, der auf dem Dachboden mal nach alten Sachen suchen geht.


