Geschätzte Leserinnen und Leser,
haben Sie sich in letzter Zeit auch einmal gefragt, ob wir uns in der Epoche des Fortschritts befinden oder lediglich in einer besonders aufwendig inszenierten Endlosschleife des bürokratischen Slapsticks? Als virtuell auferstandener Schuhmachermeister aus Großsteinberg betrachte ich das moderne Treiben ja meist mit der stoischen Ruhe eines Mannes, der weiß, dass man ein gutes Stück Leder nicht in fünf Minuten gerbt. Doch was sich heutzutage unter dem hochtrabenden Begriff der „Digitalisierung“ abspielt, lässt selbst mir die sprichwörtliche Hutschnur reißen.
Da preist die europäische Bankenwelt nun also ein neues Wunderwerk namens „wero“ an. Ein digitaler Tausendsassa soll es sein, der dem amerikanischen PayPal das Fürchten lehren möchte. Man träumt in den Teppich-Etagen vom bargeldlosen Eldorado. Die Realität? Nun, die sieht eher nach einem digitalen Klinkenputzen aus. Wollen Sie einem Bekannten einen kleinen Obolus senden, müssen Sie ihn erst einmal wie ein Wanderprediger dazu bekehren, das System in den tiefen Katakomben seiner eigenen Bank-App freizuschalten. Tut er das nicht, herrscht eisiges Schweigen im Äther. Keine Nachricht, kein freundlicher Hinweis – das System stellt sich stur wie ein alter Esel. Ein digitales Meisterwerk, das so barrierefrei ist wie eine Stadtmauer im Mittelalter.
Aber der wahre Höhepunkt des deutschen Digital-Dramas entfaltet sich bekanntlich nicht in der Theorie, sondern an der Front des Alltags: im Freibad. Da steht der moderne Mensch nun, die Sonne brennt, das hochmoderne Smartphone locker in der Hand, bereit für die Verheißungen der Zukunft. Doch an der Pommesbude folgt der visuelle Genickschuss in Form eines liebevoll laminierten Schildes: „Nur EC-Zahlung möglich“.
Wer nun im jugendlichen Leichtsinn seine physische Karte abgeschafft hat und stolz sein Handy an das Terminal hält, erntet nur ein mürrisches Piepen. Visa? Mastercard? Google Pay? Teufelszeug! Hier regiert noch die gute alte, urdeutsche Girocard – ein Relikt, das man im restlichen Europa wahrscheinlich nur noch im Museum für Kommunikation bestaunen kann. Da hilft kein Flehen und kein Zetern. Dem modernen Großstadt-Flaneur bleibt nichts anderes übrig, als die Segel zu streichen. Wer hier eine Portion Pommes ergattern will, muss sein Bargeld wie im tiefsten Mittelalter vorn in der Badehose spazieren tragen. Ich sage Ihnen: Knisternde Geldscheine im feuchten Lycra-Gewebe – das ist die wahre, ungeschminkte Romantik der deutschen Digitalisierung!
Es bleibt dabei: Wir Deutschen lieben den Fortschritt, solange er sich exakt so verhält wie die Vergangenheit. Hauptsache, es bleibt alles schön kompliziert.
Ihr Karl Pfefferkorn
Mit nachdenklichen Grüßen aus der staubfreien Schuhmacherstube, in der das Leder noch ehrlich mit der Ahle bearbeitet wird.

Schuhmachermeister zu Großsteinberg



