Geschätzte Leserinnen und Leser,
haben Sie in letzter Zeit einmal versucht, eine Pause zu machen? Ich meine nicht jenes hektische Beinevertreten zwischen zwei dringenden Aufgaben, sondern das echte, tiefe, unerschütterliche Nichtstun. Früher – und als Schuhmacher alter Schule darf ich das mit sanfter Wehmut feststellen – hatte die Welt eingebaute Haltestellen. Wenn die Grammofonnadel das Ende der Rille erreichte, kratzte es leise, und dann war Ruhe. Die Leipziger Volkszeitung hatte eine letzte Seite, und wer sie ausgelesen hatte, legte das Papier beiseite. Selbst das Fernsehen verabschiedete sich irgendwann mit dem Testbild ins Bett.
Heute hingegen hat man das Ende abgeschafft. Der digitale Musikspieler düpiert den Feierabend und spielt einfach weiter. Nachrichten strömen im ewigen Fließband über die Bildschirme, und das Fernsehprogramm flimmert rund um die Uhr auf hunderten Kanälen. Nun muss man kein Geometer oder Buchhalter sein, um zu begreifen: Die menschliche Güte und Sorgfalt – kurz, die Qualität – ist auf dieser Erde ein begrenztes Gut. Verteilt man diese begrenzte Menge auf eine unendliche Masse an Ablenkung, strebt das Ergebnis nach Adam Riese gegen Null. Was uns da pausenlos entgegenschallt, ist oft nur noch das verdünnte Echo echter Kultur.
Doch der eigentliche Verlust liegt tiefer. Früher, als die Dinge noch ein natürliches Ende hatten, schenkte uns das Schicksal ein kostbares Gut: die Langeweile. Wenn der Teller leer, das Buch ausgelesen und das Radio stumm war, blieb man mit sich selbst allein. Man saß da, blickte aus dem Fenster auf die Straße und ließ die Gedanken spazierengehen. Aus dieser scheinbaren Öde erwuchsen die besten Ideen, die tiefsten Gespräche mit dem Sitznachbarn und manche Einsicht, die das Leben auf das Gleis rückte.
Heute jagt man dem Trugschluss hinterher, bloß nichts zu verpassen. Selbst für ein stillsitzendes Geschäft nimmt man das kleine Leuchtbrett mit, aus Sorge, man könnte zwei Minuten lang nicht unterhalten werden. Man hetzt von einem Häppchen zum nächsten und übersieht dabei das Wesentliche. Wer pausenlos konsumiert, kommt nie zur Ruhe – und verlernt die hohe Kunst, im eigenen Geist heimisch zu sein. Man verpasst nicht die neuste Meldung, sondern schlichtweg das Leben.
Gönnen Sie sich also den Luxus, wieder einmal rein gar nichts zu tun. Legen Sie das Werkzeug aus der Hand und lassen Sie die Stille wirken. Es ist erstaunlich, was man hört, wenn das Rauschen aufhört.
Ihr Karl Pfefferkorn
Mit besinnlichen Grüßen aus der Großsteinberger Schuhmacherstube

Schuhmachermeister zu Großsteinberg



