Geschätzte Leserinnen und Leser,
ich habe heute für Sie ein Thema gewählt, das uns alle betrifft, ob wir nun aktiv „posten“ oder nur als stille Beobachter am Rande stehen: den Kult des ständigen Lächelns in den Sozialen Medien. Ich wage zu behaupten, dies ist die wohl anspruchsvollste sportliche Disziplin der Gegenwart: das tägliche, unerschütterliche Glücks-Marathon im digitalen Raum.
Erinnern Sie sich noch an die Zeit, als ein Foto ein Schnappschuss war? Ein kurzer, ehrlicher Moment, der auch mal eine unscharfe Kaffeetasse oder einen leicht verkniffenen Blick enthielt, weil die Sonne blendete. Nun, diese Zeiten sind so vergangen wie die Preise für Gold.
Heute ist jedes Bild, das es in die „Timeline“ schafft, ein durchdachtes, inszeniertes Meisterwerk der Selbstoptimierung. Die Sonne blendet nicht mehr; sie setzt das Müsli perfekt in Szene. Der verkniffene Blick ist einem strahlenden, zahnmedizinisch perfekten Dauergrinsen gewichen, das selbst Hollywood-Schauspieler nach dem vierten Take ermüden würde.
Man könnte meinen, die gesamte Menschheit sei kollektiv in ein ewiges Wellness-Resort gezogen, in dem der Himmel immer blau, das Essen immer glutenfrei und die Stimmung stets ekstatisch ist. Jeder Urlaub ist traumhaft, jedes Workout motivierend, und jeder Morgen beginnt mit einer Tasse „Achtsamkeit“ und einem philosophischen Zitat, das bei genauerem Hinsehen die Tiefe eines Planschbeckens hat.
Die Ironie dieser Dauer-Glückseligkeit, meine Damen und Herren, ist die Tatsache, dass sie nur durch harte Arbeit und gnadenlose Selektion zustande kommt. Hinter der idealen Fassade vermute ich eine Menge ungesehener, verworfener Aufnahmen: das missglückte Pancake-Stapeln, die zehn Versuche, das Baby in eine „natürliche“ Pose zu bringen, oder der unkontrollierte Wutausbruch, weil das WLAN-Signal für den Live-Stream versagt hat.
Dieses digitale Dauergrinsen ist, bei Licht betrachtet, eine Tyrannei der Perfektion. Es zwingt uns, unsere eigenen, ganz normalen Leben kritisch zu hinterfragen. Warum sieht meine morgendliche Tasse Kaffee nicht so golden aus wie die des „Lifestyle-Gurus“? Bin ich ein Versager, weil ich heute Vormittag keinen Sonnenaufgang über den Alpen meditiert habe? Es ist eine subtile, aber mächtige Form des gesellschaftlichen Drucks, die uns vorgaukelt, das wahre Leben sei ein ununterbrochener Höhepunkt.
Ich sage Ihnen: Seien Sie misstrauisch gegenüber zu viel digitalem Frohsinn. Das Leben ist nun einmal ein Wechselspiel aus sonnigen Tagen und solchen, an denen man einfach nur seine Socken verliert. Und das ist gut so! Denn nur wer die Falten im Teppich kennt, weiß die glatte Oberfläche wirklich zu schätzen. Das wahre Glück verbirgt sich oft in den unfotografierten Momenten, in denen man sich entspannt zurücklehnt und echt lacht – und sei es nur über einen leicht angebrannten Toast.
In diesem Sinne, behalten Sie Ihren gesunden Zweifel und Ihr echtes, vielleicht auch mal unperfektes Lächeln.
Ihr Karl Pfefferkorn, der seinen Morgenkaffee lieber in Ruhe trinkt, als ihn zu fotografieren.


