Geschätzte Leserinnen und Leser,
es gibt Phänomene im Alltag, die so allgegenwärtig sind, dass wir sie kaum noch hinterfragen. Eines davon ist die Warteschlange. Ob im Supermarkt, vor der Behörde oder gar vor dem Toilettenhäuschen beim Stadtfest – die Warteschlange ist eine universelle Konstante menschlichen Daseins. Sie ist ein Schmelztiegel der Geduld und ein Prüfstand der Nerven, und ich wage zu behaupten, sie birgt mehr Charakterstudien als jedes Theaterstück.
Wir stehen da, wie aneinandergereihte Perlen auf einer Schnur, jeder mit seinem ganz eigenen Paket an Hoffnungen, Terminen und Einkaufszettel-Dramen. Vor uns der Nächste, hinter uns der Übernächste. Und dazwischen: die Zeit. Eine Zeit, die sich in diesen Momenten oft dehnt wie ein alter Kaugummi.
Was macht die Warteschlange so tyrannisch? Nun, es ist ihre stille, unaufdringliche Macht. Sie zwingt uns zum Stillstand, zu einer unfreiwilligen Pause in einem Leben, das sonst von Optimierung, Effizienz und Hektik geprägt ist. Wir, die wir gewohnt sind, jede Sekunde sinnvoll zu füllen – mit Smartphone-Blicken, To-Do-Listen-Gedanken oder dem Planen des nächsten großen Schrittes –, wir werden hier zu passiven Empfängern des Geschehens. Wir können nichts tun, außer zu warten. Und dieses Nicht-Tun, meine Damen und Herren, ist für viele von uns eine wahre Qual.
Man beobachtet in diesen Momenten die subtilen Zeichen menschlicher Psychologie: den nervösen Blick auf die Uhr, den prüfenden Blick auf die Nachbarschlange – „Ist die schneller?“ –, das unruhige Verlagerung des Gewichts von einem Fuß auf den anderen. Es gibt den resignierten Wartenden, der bereits alles aufgegeben hat, und den strategischen Wartenden, der schon beim Betreten des Ladens die „beste“ Schlange erspäht. Und dann gibt es noch den Gesprächssuchenden, der versucht, mit einem Blickkontakt ein kleines Stück Menschlichkeit in das anonyme Stehen zu bringen.
Die Warteschlange ist auch ein Spiegel unserer Erwartungshaltung. Wir erwarten, dass alles sofort und reibungslos funktioniert. Wenn es das nicht tut, fühlen wir uns persönlich beleidigt, betrogen um unsere kostbare Zeit. Dabei vergessen wir, dass das Leben selbst oft eine Aneinanderreihung von Warteschlangen ist – auf den richtigen Moment, auf die passende Gelegenheit, auf die Erfüllung eines Wunsches.
Vielleicht sollten wir die Warteschlange nicht als lästige Unterbrechung, sondern als Chance begreifen. Eine Chance, einmal innezuhalten, den Blick schweifen zu lassen, vielleicht ein kleines Gespräch zu beginnen oder einfach nur die Gedanken schweifen zu lassen, ohne dass ein Bildschirm dazwischenfunkt. Eine kleine, ungeplante Insel der Entschleunigung im hektischen Alltag.
Denn am Ende, meine geschätzten Leserinnen und Leser, ist es nicht die Länge der Schlange, die zählt, sondern wie wir die Zeit darin verbringen. Und manchmal, da kann selbst ein erzwungener Stillstand zu einer kleinen, unerwarteten Bereicherung werden.
Ihr Karl Pfefferkorn, der sich in den Supermarkt neuerdings ein Buch mitnimmt.


