Sehr geehrte Leserinnen und Leser,
haben Sie sich in letzter Zeit einmal die Mühe gemacht, einem handfesten Wortgefecht auf offener Straße beizuwohnen? Als Mann, der sein Leben lang über den Leisten gebeugt saß und das Leder klopfte, habe ich gelernt, dass ein guter Schuh und ein gutes Argument eines gemeinsam haben: Sie müssen passen, sonst drücken sie. Doch was ich heutzutage an verbalem Austausch vernehme, gleicht eher einem plumpen Barfußgang durch den Morast als einer fein gearbeiteten Naht.
Es scheint mir, als wäre die Kunst der gepflegten Beleidigung – oder wie wir früher sagten: das „Zurechtrücken der Weltanschauung“ – einer erschreckenden Spracharmut gewichen. Wo man sich früher mit der Präzision eines Skalpells beharkte, wird heute nur noch mit dem digitalen Vorschlaghammer hantiert. Wenn heute zwei Streithähne aneinandergeraten, erschöpft sich das Repertoire oft in einem einsilbigen „Alter!“ oder dem wenig geistreichen „Was ist dein Problem?“. Das ist nicht nur unhöflich, meine Herrschaften, das ist schlichtweg langweilig.
Erinnern wir uns doch an die Ausdruckskraft, die das Neuhochdeutsche uns bietet, um einen Widersacher in seine Schranken zu weisen, ohne dabei das Niveau eines ungehobelten Kneipenschlägers zu unterschreiten. Wenn Sie jemanden der Unwahrheit bezichtigen wollen, warum sagen Sie heute „Du lügst doch!“, wenn Sie stattdessen konstatieren könnten: „Mein Herr, Sie pflegen einen äußerst freien Umgang mit der Wirklichkeit“? Spüren Sie den Unterschied? Das Gegenüber ist nicht einfach ein Lügner, er ist ein kreativer Architekt der Fiktion.
Oder betrachten wir die moderne Allzweckwaffe der Beleidigung: „Du bist dumm.“ Wie flach, wie karg! In einer Zeit, in der man noch Wert auf die Etikette des Grolls legte, hätte man vielleicht angemerkt: „Es scheint mir, als wäre Ihr Verstand bei der Verteilung der Gaben gerade auf einem ausgedehnten Spaziergang gewesen.“ Das gibt dem anderen wenigstens die Chance, über seine eigene Abwesenheit nachzudenken, während er versucht, den Satzbau zu entwirren.
Sogar der einfache Platzverweis hat an Eleganz verloren. Ein modernes „Hau ab!“ klingt wie ein bellender Kettenhund. Wie viel wohlwollender wirkt dagegen ein: „Ich darf Sie bitten, Ihre geschätzte Anwesenheit an einen Ort zu verlagern, der Ihrer Würde – so vorhanden – eher entspricht.“ Man komplimentiert den unliebsamen Zeitgenossen quasi zur Tür hinaus, und er fühlt sich dabei fast noch geehrt.
Sie sehen, meine lieben Leserinnen und Leser, die Sprache ist wie ein gut gewachster Faden: Nur wenn sie geschmeidig bleibt, hält sie die Gesellschaft zusammen, auch wenn es mal knirscht. Ein Streitgespräch sollte keine Schlammschlacht sein, sondern ein Duell mit Worten, bei dem am Ende beide Seiten erhobenen Hauptes vom Feld gehen können – der eine, weil er gewonnen hat, und der andere, weil er so eloquent beleidigt wurde, dass er es erst drei Gassen weiter bemerkt.
Achten Sie also bei Ihrem nächsten Disput darauf: Ein scharfes Wort braucht keine grobe Klinge, sondern nur einen gut gewählten Schliff.
Ihr Karl Pfefferkorn


