Sehr geehrte Leserinnen, geschätzte Leser und all jene, die im Getümmel des Alltags noch einen Moment des Innehaltens zu schätzen wissen,
haben Sie sich in letzter Zeit einmal die Mühe gemacht, einen Blick auf das emsige Treiben in unseren Amtsstuben, Werkstätten oder gar in diesen modernen, gläsernen Büropalästen zu werfen? Es herrscht dort oft ein Lärm, als müsse jedes geschriebene Wort und jeder gefasste Gedanke mit einem Paukenschlag verkündet werden. Wir leben in einer Zeit, in der das „Machen“ untrennbar mit dem „Sagen“ verknüpft ist. Wer sich abrackert, muss schwitzen, stöhnen und – das ist das Entscheidende – darüber berichten.
Wer heutzutage ein Brett bohrt, ohne vorher eine Abhandlung über die Härte des Holzes und im Nachgang eine Ode an den eigenen Bizeps zu verfassen, der hat, so scheint es, gar nicht erst gebohrt.
Doch halten Sie einen Moment inne. Erinnern Sie sich an jene seltenen Augenblicke, in denen man stundenlang über einem Problem brütet, als säße man vor einem störrischen Stück Leder, das sich einfach nicht in die Form eines Schuhs fügen will? Man misst, man schneidet, man verwirft. Und plötzlich – ein Blitzschlag der Erkenntnis! Eine einzige Skizze auf einem Schmierzettel, ein Bild im Geiste, das die Komplexität von Stunden in einer Sekunde auflöst. Eine geniale visuelle Abkürzung, die das ganze Gewirr aus „Wenn“ und „Aber“ mit der Präzision eines scharfen Kneips durchtrennt.
Was aber tun wir in einem solchen Moment des Triumphs? Der moderne Geist drängt uns dazu, sofort das Fenster zu öffnen und die Welt an unserem Genie teilhaben zu lassen. Wir wollen den Applaus, die Anerkennung für die heroische Zeitersparnis. Doch wie viel edler, wie viel amüsanter ist es, den Mund fest verschlossen zu halten! Es ist die wahre Meisterschaft, das Problem bereits gelöst zu haben, während die Konkurrenz noch eifrig die Nebelkerzen des Aktionismus zündet.
Mark Twain, ein Mann, der das Handwerk der spitzen Feder ebenso beherrschte wie ich meine Ahle, bemerkte treffend, dass es das schönste Geheimnis sei, ein Genie zu sein und es als Einziger zu wissen. Wahrlich, darin liegt eine fast diebische Freude. Man steht inmitten des Chaos, betrachtet das fertige Werkstück und lächelt in sich hinein, während die anderen noch im Staub der eigenen Wichtigkeit stochern. Das Schweigen über den eigenen Sieg ist die höchste Form der Eleganz. Es ist das Wissen, dass ein kluges Bild im Kopf mehr wert ist als tausend Worte auf dem Papier – und dass die gesparte Zeit ein Gut ist, das man am besten ganz für sich allein genießt, wie ein gutes Glas Wein nach getaner Arbeit.
In einer Welt, die vor Geltungsdrang fast platzt, ist die diskrete Effizienz das letzte Refugium des wahren Kenners. Genießen Sie Ihren Vorsprung leise. Der Lärm gehört den Suchenden; das Schweigen gehört denen, die bereits gefunden haben.
Wer am lautesten hämmert, hat oft nur den kleinsten Nagel getroffen – wer aber das Bild im Kopf hat, braucht den Hammer meist gar nicht mehr.
Ihr Karl Pfefferkorn
Ein Schuhmachermeister, der weiß, dass man das beste Leder oft ganz ohne lautes Klopfen weich bekommt.


