Sehr geehrte Leserinnen und Leser,
haben Sie am Morgen auch schon diesen Moment der Irritation erlebt, als Ihnen im Badezimmerspiegel ein Unbekannter entgegenblickte? Ein Individuum, dessen Hautbeschaffenheit eher an ein gut durchgegerbtes Oberleder erinnert als an das geschmeidige Kalbsvlies Ihrer Jugend? Man betrachtet die Furchen im Antlitz und fragt sich unwillkürlich: Wann ist das eigentlich passiert? Und vor allem: Bin ich das schon? Also… alt?
In meiner Werkstatt in Großsteinberg begegnen mir tagtäglich die verschiedensten Stadien des menschlichen Verfalls – meistens jedoch an den Absätzen. Es ist eine Ironie des Schicksals, dass die Menschen Unsummen ausgeben, um ihre Schuhe neu besohlen zu lassen, während sie bei ihrem eigenen Fahrgestell resigniert zusehen, wie das Profil schwindet. Neulich bot mir ein junger Hupfer in der Straßenbahn seinen Platz an. Er tat es mit einer derart mitleidigen Höflichkeit, dass ich kurz davor war, ihm mit meinem Gehstock die korrekte Statik eines orthopädischen Maßschuhs zu demonstrieren. Er meinte es gut, sicher. Aber in seinen Augen war ich bereits ein Museumsstück auf zwei Beinen.
Doch lassen wir die Biologie beiseite. Das Knie knackt beim Aufstehen wie eine trockene Pappel im Wind, und die Haare verabschieden sich vom Haupt, um stattdessen ungefragt aus den Ohren zu sprießen – das ist bloß die Mechanik des Lebens. Ein Schuhmacher weiß: Ein bisschen Schaftpflege und eine neue Sohle bewirken Wunder, aber das wahre Alter sitzt tiefer. Es sitzt dort, wo der Geist sich zur Ruhe setzt.
Wann also schlägt die Stunde der Wahrheit? Es ist nicht die Zahl auf dem Standesamtsschein. Es ist jener schleichende Moment, in dem sich die Blickrichtung Ihrer Gedanken um exakt einhundertachtzig Grad dreht. Wenn Sie beim Abendbrot sitzen und nicht mehr darüber sinnieren, was Sie im nächsten Frühjahr pflanzen oder welche ferne Stadt Sie noch bereisen wollen, sondern stattdessen zum zehnten Mal die Geschichte aufwärmen, wie billig damals die Butter war oder wie stramm Sie beim Turnfest marschierten. Wann war das nochmal?
Der ultimative Pfefferkorn-Check ist gnadenlos: Man ist genau dann alt, wenn man nicht mehr von der Zukunft träumt, sondern von der Vergangenheit.
Sobald das „Weißt du noch?“ das „Was wäre, wenn?“ dauerhaft in die Flucht schlägt, hat Gevatter Zeit den Sieg davongetragen. Wer nur noch im Rückspiegel lebt, übersieht, dass die Straße vor ihm noch immer befahrbar ist – auch wenn man vielleicht etwas langsamer zuckelt. Solange Sie noch Pläne schmieden, die über die nächste Mahlzeit hinausgehen, sind Sie jung genug, um die Welt zu ärgern.
In diesem Sinne: Polieren Sie Ihre Träume, auch wenn sie schon ein paar Kratzer haben. Ein gut gepflegter Geist braucht keinen Rollator.
Ihr Karl Pfefferkorn
Schuhmachermeister und unermüdlicher Beobachter des Weltenlaufs


