Sehr geehrte Leserinnen und Leser,
haben Sie heute schon einen tiefen Blick in Ihre Mülltonne geworfen? Nein, ich meine nicht die verzweifelte Suche nach dem versehentlich entsorgten Hausschlüssel, sondern eine Betrachtung philosophischer Natur. Es ist schon erstaunlich: Je mehr die Menschheit sich einbildet, das Rad der Zeit – oder in diesem Fall das Rad der Entsorgung – neu zu erfinden, desto öfter landen wir genau dort, wo wir vor fünfzig Jahren schon einmal standen. Nur eben mit mehr Plastik drumherum.
Erinnern Sie sich noch an die alten Blechtonnen? Diese martialischen Ungetüme aus verzinktem Stahl, die beim bloßen Anschauen bereits Rückenschmerzen verursachten? Damals, als der Müllmann noch ein Titan war, der die Tonne mit einer Eleganz über das Pflaster kreiselte, die jedem Wiener Walzer zur Ehre gereicht hätte. Die Bezahlung erfolgte mittels Müllmarken – eine Art analoges „Prepaid-System“ für den Unrat. Man hängte die Marke an den kleinen Griff, und der Müllmann sammelte sie ein, sofern nicht ein findiger Langfinger schneller war. Es herrschte eine gewisse Ordnung im Chaos.
Doch dann, geschätzte Zeitgenossen, kam der Fortschritt. Und der Fortschritt liebt es, uns im Kreis zu drehen – buchstäblich.
Zuerst tauschten wir Blech gegen Kunststoff und Kraft gegen Rollen. Ein Segen, dachten wir. Dann kamen die Strichcodes und die Chips, damit das System auch ja genau weiß, wie viele leere Erbsendosen wir pro Quartal konsumieren. Aber der eigentliche Reigen begann bei der Aufstellung. Wissen Sie noch? Erst mussten die Griffe zur Straße zeigen, damit der fleißige Helfer zupacken konnte. Dann kam die Ära der Ein-Mann-Bedienung. Ein technisches Wunderwerk, ein Haken am Auto, der die Tonne wie eine Beute packte. Plötzlich hieß es: Kommando kehrt! Die Tonne musste mit dem Rücken zur Straße stehen. Wer sich nicht fügte, bekam den „Gelben Brief“ der Müllabfuhr in Form eines Aufklebers: „Setzen, Sechs, Tonne falsch herum!“
Und heute? Man glaubt es kaum, aber die Revolution frisst ihre eigenen Kinder – oder in diesem Fall ihre eigenen Roboterarme. Die Ein-Mann-Bedienung hat sich vielerorts als weniger praktikabel erwiesen als gedacht. Nun springen sie wieder, die Beifahrer, die wackeren Männer in Orange, und eilen von Haus zu Haus. Und was lesen wir in der neuesten Abfallbroschüre? Richtig: Die Griffe sollen bitte wieder zur Straße zeigen.
Es ist ein herrlicher Tanz der Bürokratie. Wir haben gelernt, umgelernt, quergedacht und uns schließlich wieder zum Ursprung zurückgedreht. Man fragt sich unweigerlich, ob die nächste Neuerung darin besteht, dass wir den Müll wieder persönlich mit der Postkutsche abgeben müssen, solange die Marken richtig kleben.
Was lehrt uns das über das menschliche Dasein? Vielleicht, dass wir uns oft im Kreise drehen, nur um festzustellen, dass der Griff an der richtigen Stelle immer noch die beste Lösung ist. In diesem Sinne: Drehen Sie Ihre Tonne mit Würde – wer weiß, in welche Richtung sie morgen zeigen muss.
Wer den Fortschritt nur am Drehen der Mülltonne misst, darf sich nicht wundern, wenn ihm am Ende schwindlig wird.
Ihr Karl Pfefferkorn, der noch den Müll rausschaffen muss.


