Meine sehr verehrten und geschätzten Leserinnen und Leser,
haben Sie sich eigentlich schon einmal ernsthaft gefragt, warum wir als zivilisierte Wesen einen beträchtlichen Teil unserer ohnehin knapp bemessenen Erdenzeit damit verbringen, Dinge zu suchen? Als Schuhmachermeister alter Schule sage ich Ihnen: Ineffizienz ist mir ein Gräuel. Wenn ich in meiner Werkstatt erst stundenlang nach der Ahle oder dem passenden Stück Oberleder fahnden müsste, käme kein einziger Stiefel rechtzeitig auf den Leisten. Wer sucht, der hat schlichtweg gepennt – oder er pflegt eine Unordnung, die an geistige Verwahrlosung grenzt. Normalerweise ist das Suchen ein Akt purer Verzweiflung, begleitet von einem Blutdruck, der die Skala sprengt, und Flüchen, die selbst einen Kutscher erröten ließen. Ob es der Hausschlüssel ist, der sich bevorzugt in den unergründlichen Tiefen der Manteltasche versteckt, oder die Lesebrille, die hämisch auf der eigenen Stirn thront: Suchen ist eine Strafe.
Doch dann kommt das Osterfest, und die Menschheit verfällt kollektiv in einen höchst sonderbaren Zustand. Plötzlich wird das Suchen zur Tugend erhoben. Wir verstecken Dinge – und zwar absichtlich! Wir nehmen ein einwandfreies Hühnerei, färben es mühsam ein, nur um es anschließend im feuchten Gebüsch oder hinter der Regentonne so zu platzieren, dass man es kaum wiederfindet. Es ist das einzige Mal im Jahr, dass wir uns darüber freuen, etwas nicht auf Anhieb zu sehen. Warum tun wir das? Weil an Ostern die Freude am Suchen offenbar wichtiger ist als das Ei selbst. Das Ziel ist zweitrangig; der Weg durch den nassen Rasen ist das eigentliche Vergnügen.
Aber halten Sie kurz inne und betrachten Sie die Sache mit mir von der hintergründigen Seite. Ist dieses österliche Phänomen nicht eigentlich ein wunderbares Geschenk? Normalerweise sind wir beim Suchen verbissen, gallig und gestresst. Wir sehen den Verlust, nicht die Entdeckung. Doch an Ostern verwandelt sich der Ärger in Neugier, die Hektik in spielerische Erwartung. Wir kriechen auf allen vieren durch den Garten und empfinden dabei eine Leichtigkeit, die uns im Alltag völlig abhandengekommen ist.
Vielleicht sollten wir uns ein Scheibchen von dieser österlichen Gelassenheit abschneiden und sie in unseren grauen Alltag hinüberretten. Wenn Sie das nächste Mal vor der verschlossenen Wohnungstür stehen und dieser verdammte Schlüssel wieder einmal unauffindbar ist: Atmen Sie tief durch. Betrachten Sie es nicht als persönliches Versagen oder als Strafe des Schicksals. Versuchen Sie stattdessen, einen Funken jener kindlichen Such-Freude zu bewahren. Wer mit einem Lächeln auf den Lippen sucht, findet zwar technisch gesehen auch nicht schneller, aber er schont sein Herz und bewahrt sich seine Würde.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine erfolgreiche und vor allem heitere Suche – egal, ob es sich um bunte Eier oder die verlorene Geduld handelt.
Ihr Karl Pfefferkorn
Schuhmachermeister und Beobachter der menschlichen Suchtrupps


