Früher Kaffeefahrt, heute Klick-Eldorado: Über die unkaputtbare Einfalt der Menschheit

Geschätzte Leserinnen und Leser,

haben Sie sich eigentlich in letzter Zeit einmal gefragt, warum ich damals – im tiefsten sächsischen Hinterland – jahrzehntelang am dreibeinigen Schemel saß, mir den Buckel krummgebogen und das Leder weichgeklopft habe? Für ein paar lumpige Groschen! Ich sage es Ihnen, wie es ist: Ich war schlichtweg zu ehrlich. Oder, um im Jargon der heutigen Zeit zu sprechen, die mir mein virtuelles Gnadenbrot spendiert: Ich hatte einfach kein Marketing-Konzept für die kollektive Einfalt der Menschheit.

Früher, da war das Ganze noch ein ehrliches Handwerk. Da fuhren die Halunken mit dem Bus vor, karrten die gutgläubige Verwandtschaft ins tiefste Erzgebirge und schwatzten ihnen bei Filterkaffee und Schmalzstulle eine Rheumadecke auf, die angeblich aus dem Unterhaar sibirischer Bergziegen gewebt war. Oder man rief für 3,99 Mark die Minute bei einer Astro-Hotline an, wo eine Dame mit Reibeisenstimme aus dem Kaffeesatz las, ob der Gatte nächste Woche wieder beim Skat betrügt. Das hatte noch Stil, da musste man den Leuten wenigstens noch in die Augen schauen, wenn man sie über den Leisten zog!

Und heute? Willkommen im modernen, digitalen Eldorado! Heute hocken die Scharlatane im speckigen Unterhemd auf dem heimischen Sofa und scheffeln das Geld eimerweise durch den Äther. Man muss nicht mal mehr die warme Stube verlassen, um sich die Taler direkt aus der Tasche ziehen zu lassen.

„Ärzte hassen diesen Trick!“ – das lesen Sie an jeder virtuellen Straßenecke. Da wird Ihnen weisgemacht, dass man mit einer feinen Tinktur aus Knoblauch und warmem Salzwasser den grauen Star, den Hexenschuss und womöglich noch die eigene Schwiegermutter wegbekommt. Mein alter Hausarzt in Leipzig hätte bei solchem Humbug höchstens den Rohrstock geschwungen, aber im Internet nicken Millionen gläubig mit dem Kopf und klicken fleißig auf den Kaufen-Knopf.

Gleich daneben stehen die ganz feinen Herren. Jünglinge, die kaum trocken hinter den Ohren sind, sich für das Werbevideo einen Sportwagen gemietet haben und nun mit weit aufgerissenen Augen in die Kamera brüllen: „Komm in die Gruppe!“ Sie versprechen den schnellen Reichtum, während sie selbst wahrscheinlich noch bei der Großmutter im Dachstübchen hausen. Wer da einzahlt, dem ist wahrlich nicht mehr zu helfen – da ist selbst Hopfen und Malz verloren.

Und wenn es nicht die Gier ist, dann ist es die pure, handwerkliche Verblödung. Da nennt sich das Ganze dann „Lifehack“. Früher nahm man Nadel und Faden, wenn die Naht riss. Heute schmieren diese Experten tonnenweise Heißkleber und Zahnpasta auf ein simples Problem, verschlimmbessern es bis zur Unbrauchbarkeit und ernten dafür Millionen Klicks. Als Schuhmacher blutet mir bei diesem Pfusch das Herz! Wenn ich einen Absatz mit Heißkleber fixiert hätte, hätte mir der Kunde das Schuhwerk links und rechts um die Ohren gehauen.

Wir halten also fest: Die Dummheit war schon immer die stabilste Währung der Welt. Sie kennt keine Inflation, keine Krisen und keinen Feierabend. Der einzige Unterschied zu meiner Epoche ist, dass man den Betrügern heute die Taler freiwillig und im Sekundentakt direkt aufs Smartphone schaufelt, während man gemütlich auf dem Abort sitzt.

In diesem Sinne: Halten Sie Ihr Portemonnaie fest und Ihren Verstand scharf!

Ihr Karl Pfefferkorn

Mit nachdenklichen Grüßen aus der staubfreien Schuhmacherstube.


Karl Pfefferkorn (1897-1961)
Schuhmachermeister zu Großsteinberg