Sehr geehrte Leserinnen und Leser,
hüten Sie sich, morgen Abend leichtfertig die Haustür zu öffnen! Es könnte sein, dass Ihnen eine kleine Armee aus Polyester-Skeletten und Plastik-Hexen gegenübersteht, die mit einer Vehemenz nach Zuckerwerk verlangt, als hinge das Seelenheil der gesamten Nachbarschaft davon ab. Zu meiner Zeit – und ich spreche hier als jemand, der noch wusste, wie man einen ordentlichen Stiefel besohlt – feierten wir so etwas nicht. Wir hielten uns an den Reformationstag oder gedachten an Allerheiligen derer, die uns vorausgegangen sind. Das war, wenn man so will, die „Mode“ meiner Epoche.
Nun werden die ganz Schlauen unter Ihnen sofort einwenden: „Aber Herr Pfefferkorn, das ist doch alles dasselbe!“ Sie werden mir erklären, dass Halloween vom „All Hallows’ Eve“ stammt, mit den Iren nach Amerika auswanderte und in den 90er Jahren als Reimport wieder bei uns am Zoll abgegeben wurde. Man wird mir von Papst Gregor erzählen, der das Fest vom Mai auf den November verlegte, um den heidnischen Bräuchen der Kelten etwas entgegenzusetzen. Mag sein. Die Geschichte ist geduldig, und wir projizieren heute gerne unsere Wünsche nach ein bisschen Grusel tief zurück in die Nebel der Vergangenheit.
Doch blicken wir den Tatsachen ins hohle Auge des Kürbisses: Wir leben in einer Konsumgesellschaft. Und seien wir ehrlich, geschätzte Leserinnen und Leser, das stille Gedenken oder das Nageln von Thesen an Kirchentüren lässt sich marketingtechnisch nur schwer ausschlachten. Gummibärchen in Kruzifixform? Das will doch keiner sehen. Aber lachende Totenköpfe und gruselige Fratzen? Das läuft! Selbst das gute alte Reformationsbrötchen muss heute Wochen vorher in drölfzig Geschmacksrichtungen in den Regalen liegen, um überhaupt wahrgenommen zu werden.
Halloween hingegen ist ein wahres Füllhorn für den Handel. Denken Sie nur an die Kostüme aus Fernost, an Hexensuppen, Spinnweb-Deko und – mein persönlicher Favorit – die Halloween-Küchentücher. Ja, Sie haben richtig gelesen. Man kann den verschütteten Kürbissaft nun stilecht mit Gespenstermotiven aufsaugen. Das muss man dem Fortschritt lassen: Er ist unglaublich kreativ darin, uns Dinge zu verkaufen, von denen wir gestern noch nicht wussten, dass wir sie morgen unbedingt wegwerfen müssen. Wenn wir das nun zweihundert Jahre so weitertreiben, nennen wir es irgendwann „Tradition“. Bei diesem Gedanken graust es mich allerdings weit mehr als vor jedem Plastik-Skelett.
Aber halten wir kurz inne und atmen wir durch. Wenn es morgen Abend an Ihrer Tür klingelt, dann stehen dort Kinder. Kleine Menschen in gekauften Kostümen, die mit ihren gekauften Beuteln darauf warten, eine Handvoll gekaufter Süßigkeiten zu ergattern. Für sie ist es keine kulturhistorische Debatte, sondern schlicht ein Riesenspaß. Den Kleinen ist es herzlich egal, ob der Brauch zweitausend Jahre alt ist oder erst seit der letzten Werbekampagne existiert.
Falls Sie jedoch den Drang verspüren, ein kleines, pädagogisches Zeichen des Widerstands zu setzen: Geben Sie den kleinen Geistern doch einfach ein paar Äpfel oder frisch geputzte Möhren in die Beutel. Das Gesicht des kleinen Vampirs beim Anblick einer Karotte ist vermutlich der authentischste Gruselmoment, den Sie an diesem Abend erleben werden.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen – je nach Fasson – besinnlichen oder gespenstischen Feiertag!
Wer Geister ruft, darf sich nicht wundern, wenn sie am Ende an der Kasse Schlange stehen.
Ihr Karl Pfefferkorn


