Verehrte und geschätzte Leserinnen und Leser,
ich staune immer wieder über die neue Technik, die einem das Leben leichter macht. Im Falle der Waschmaschine und des Trockners mehr der Frau, da diese bedauernswerterweise auch in der modernen Zeit die Hauptlast des Haushalts trägt. Da hat der Fortschritt wohl eine Pause eingelegt.
Bei der Technik nicht. Während wir früher unsere Wäsche mit Seife am Waschbrett im Bottich gewaschen und auf der Leine getrocknet haben und dabei die volle Kontrolle über die eigenen Kleidungsstücke hatten, ist das heutzutage völlig anders. Hat aber auch seine neuen Tücken.
Die Szenerie ist jedem Haushalt vertraut und doch bleibt sie eines der ungelösten Rätsel der modernen Zivilisation. Man öffnet die Bullaugensäule des Wäschetrockners, erwartet wohlige Wärme und wird stattdessen mit der harten Realität der Singularität konfrontiert. Ein Paar Socken geht hinein, aber nur ein einsamer, melancholischer Überrest kehrt zurück. In Fachkreisen spricht man längst nicht mehr von einem Versehen, sondern von einem systematischen Entropie-Beschleuniger, der direkt in unseren Waschküchen steht.
Physikalisch betrachtet ist der Vorgang faszinierend wie erschreckend zugleich. Während die Trommel rotiert, werden die Textilfasern durch Reibung und Hitze in eine spezifische Schwingung versetzt. Es drängt sich der Verdacht auf, dass herkömmliche Baumwollmischgewebe ab einer Temperatur von exakt 60 Grad Celsius instabil werden. In diesem Moment scheint der Trockner nicht mehr nur Feuchtigkeit abzutransportieren, sondern die Grenze zur sechsten Dimension aufzuweichen. Es ist jener Punkt, an dem die Socke nicht mehr bloß Kleidungsstück ist, sondern zum interdimensionalen Reisenden wird.
Was wir fälschlicherweise als harmlosen Flusenabfall aus dem Sieb kratzen, entpuppt sich bei genauerer Betrachtung als das energetische Echo dieser Reise. Es sind die subatomaren Trümmerteile derjenigen Socken, denen der Übergang in die sogenannte „Socks-Sphere“ nicht vollständig geglückt ist. Diejenigen jedoch, die den Sprung schaffen, lassen ihren Partner in einer Art psychologischem Gaslighting zurück. Es ist eine grausame Strategie des Universums: Würden beide Socken verschwinden, hielten wir es für Diebstahl. Verschwindet nur eine, zweifeln wir an unserem eigenen Verstand.
Dieser schleichende Verlust von Textilmasse hat längst Auswirkungen auf unser Weltbild. Wir delegieren unsere Logik an Haushaltsgeräte, die im Geheimen Portale in Welten öffnen, in denen verlorene Tupperware-Deckel und Inbusschlüssel ein ewiges Dasein in Schwerelosigkeit genießen. Solange der Leidensdruck jedoch nur aus kalten Knöcheln besteht, wird der große Aufschrei ausbleiben. Wir akzeptieren die Socke als Opfergabe an eine Physik, die wir zwar bedienen, aber schon lange nicht mehr im Kern durchdringen wollen.
Herzlichst,
Ihr Karl Pfefferkorn, der seine Socken zum Waschen zusammenbindet.




