Verehrte Leserinnen und Leser, geschätzte Pfadfinder der Neuzeit,
ich ziehe den Hut vor den klugen Köpfen, die Satelliten in den Himmel geschossen haben, nur damit wir in Großsteinberg wissen, wo die nächste Bäckerei ist. Das ist Ingenieurskunst vom Feinsten! Aber haben Sie einmal beobachtet, was passiert, wenn man dem modernen Menschen dieses elektronische Händchenhalten entzieht? Er ist verloren wie ein einbeiniger Stiefel im Hochwasser.
Früher hatte man einen Orientierungssinn. Man schaute in den Himmel, betrachtete das Moos an den Bäumen oder – ganz verwegen – fragte einen Einheimischen nach dem Weg. Heute starrt man auf einen kleinen, leuchtenden Kasten und folgt einer blechernen Stimme, selbst wenn diese einen mit der Präzision eines Schweizer Uhrwerks direkt in den Dorfteich dirigiert. Ich habe neulich einen Automobilisten gesehen, der fast in eine Scheune gefahren wäre, nur weil sein „Navi“ behauptete, dort begänne die Umgehungsstraße. Der gute Mann schaute nicht mehr aus dem Fenster, er schaute nur noch auf den Bildschirm. Die Realität da draußen – Bäume, Häuser, Schlaglöcher – schien ihn nur noch zu stören.
Es ist diese freiwillige Entmündigung, die mich schmunzeln lässt. Man traut den eigenen Augen nicht mehr, wenn das Gerät etwas anderes sagt. Wenn die Technik meldet: „In 200 Metern rechts abbiegen“, dann wird abgebogen, auch wenn dort nur eine frisch gepflügte Furche wartet. Wir haben die herrlichsten Werkzeuge erfunden, aber wir benutzen sie nicht wie einen Hammer, den man beiseitelegt, wenn der Nagel sitzt. Nein, wir lassen uns vom Hammer vorschreiben, wo wir gefälligst draufzuhauen haben!
Das Navigationsgerät ist eine wunderbare Krücke – aber wer nur noch mit Krücken geht, verlernt das Laufen. Die Technik ist brillant, meine Herrschaften, aber der Umgang damit ist oft… nun ja, sagen wir: ausbaufähig. Man kann den modernsten Kompass der Welt besitzen, aber wenn man vergisst, den Kopf einzuschalten, landet man trotzdem im Gebüsch.
Ihr Karl Pfefferkorn
Schuhmachermeister und Freund kluger Werkzeuge (in fähigen Händen)

Schuhmachermeister zu Großsteinberg

