Sehr geehrte Leserinnen und Leser,
manchmal überkommt einen doch dieses wohlige Gefühl der eigenen Wichtigkeit, nicht wahr? Lange Zeit war die Sache ja auch sonnenklar: Der Mensch war das unumstrittene Zentrum des Universums, die glanzvolle Krone der Schöpfung, thronend auf einer Erde, um die sich die Gestirne in ehrfürchtigen Kreisen drehten. Ein schönes Weltbild – bis uns die Herren Kopernikus und Galilei diesen Zahn mit wissenschaftlicher Gründlichkeit zogen.
Zwar waren die beiden im 16. und 17. Jahrhundert eigentlich Spätzünder – schon die alten Pythagoreer hatten im 6. Jahrhundert vor Christus so eine leise Ahnung –, aber es dauerte dennoch bis zum Jahre 1822, bis auch die Kirche sich dazu durchrang, das heliozentrische Weltbild offiziell anzuerkennen. Also quasi erst gestern, wenn man in historischen Maßstäben denkt.
Nun könnte man meinen, wir hätten uns damit abgefunden, nur ein unbedeutender Staublauf auf einer Murmel am Rande einer mittelmäßigen Galaxie zu sein. Weit gefehlt! Der Mensch hat sich einen neuen Platz in der Mitte gesichert – eine Position, die ihm bisher noch niemand streitig gemacht hat: Er befindet sich nämlich in der „optischen Mitte“.
Lassen Sie mich das kurz erläutern: Früher war das, was wir für die kleinsten oder größten Dinge der Welt hielten, schlicht auf unsere Sehkraft begrenzt. Mit dem Fortschritt der Technik dehnten wir diese Grenzen in beide Richtungen aus. Dank Lupen, Mikroskopen und Teilchenbeschleunigern blicken wir tief in den Mikrokosmos; mit Teleskopen empfangen wir Signale aus den fernsten Tiefen des Makrokosmos. Und wo stehen wir? Genau dazwischen.
Wir haben mit dem Meter eine Maßeinheit, die wunderbar zu unserem täglichen Leben passt – zu einem Tisch, einem Schuh oder einer Haustür. Von diesem Punkt aus rechnen wir uns in das unvorstellbar Kleine (10-24, das Yoctometer) oder in das unvorstellbar Große (das Lichtjahr mit etwa 9,46 × 1015 m) hinauf oder hinunter. Wir erweitern unser Weltbild nach innen und außen, bleiben aber stets im Zentrum der Betrachtung. Es ist wie mit dem Schein einer Laterne in der Nacht: Wir können den Lichtkreis vergrößern und immer mehr Details im Dunkeln erkennen, aber wir scheinen nicht in der Lage zu sein, die Lampe selbst von unserer Stirn zu nehmen und sie einmal woanders hinzustellen.
Unser Bild vom Universum ist durch unsere eigenen Maßstäbe vorgegeben. Wir wagen uns in Dimensionen vor, die unser Vorstellungsvermögen sprengen, doch wieso sollte sich „das“ Universum eigentlich an unsere Skalen halten? Beschränkt sich Intelligenz oder Existenz wirklich auf diese eine Größenordnung, die uns gerade noch begreiflich erscheint?
Am Ende bleibt es eine Frage der Definition. Vielleicht baumelt unser gesamtes Universum ja tatsächlich am Halsband einer Katze, wie es uns ein bekannter Lichtspielstreifen (Men in Black) einmal humorvoll suggerierte. Doch was kümmert es uns? Es bleibt „unser“ Universum – und solange wir die Maßeinheiten festlegen, sitzen wir auch weiterhin gemütlich in der Mitte.
Wer sich für den Mittelpunkt der Welt hält, sollte gelegentlich das Mikroskop beiseitelegen und durch das Fernrohr schauen – oder einfach mal wieder die Schuhe putzen, um den Boden unter den Füßen nicht zu vergessen.
Ihr Karl Pfefferkorn


