Geschätzte Leserinnen und Leser,
wenn mir in meiner Schuhmacherei zu Großsteinberg ein Kunde das fertige Paar besohlte Stiefel abnimmt und mir die Taler auf den Tresen legt, dann sehe ich darin nicht bloß kühles Metall oder bedrucktes Papier. Nein, ich sehe einen Teil seiner Lebenszeit.
Denn was, meine Herrschaften, ist Geld denn wirklich? Es ist nicht etwa das Gold im Tresor der Notenbank – das sind nur glänzende Versprechen. Geld ist, wenn man es genau betrachtet, konservierte Lebenszeit. Die Stunden, die Sie in der Fabrik, im Büro oder auf dem Felde verbracht haben, die Sie nicht mit Muße, mit Familie oder der Betrachtung eines Sonnenuntergangs verbringen konnten. Sie haben diese Stunden verkauft, um dafür jenes Tauschmittel zu erhalten, das wir Geld nennen.
Man sagt gerne: „Zeit ist Geld.“ Eine treffliche, wenn auch eine sehr geschäftstüchtige Formel. Ich kehre sie in der späten Stunde, wenn ich das Werkzeug beiseitelege, aber gerne um: „Geld ist Lebenszeit.“
Wenn wir nun also im Kaufmannsladen eine Schachtel Pralinen erstehen, bezahlen wir streng genommen nicht mit fünf Mark, sondern mit einer Stunde harter Arbeit. Und wenn diese bei unsachgemäßem Umgang, im Schrank veralten oder gar, Gott bewahre, gleich achtlos weggeworfen werden, dann werfen wir damit nicht nur die Süßigkeit in den Abfall, sondern wir verbrennen buchstäblich einen Teil unserer eigenen Lebenszeit. Die Mühe, der Schweiß, die Konzentration, all das landet in der Tonne.
Ist es da nicht einleuchtend, dass die Haltung zum Geld nicht nur eine Frage der Ökonomie, sondern vor allem der Ethik und der Achtung vor der eigenen Existenz sein muss? Wir sollten nicht achtlos mit den Dingen umgehen, die wir uns durch den Einsatz unserer unwiederbringlichen Stunden erarbeitet haben. Jeder Kauf sollte ein bewusstes Ja zur Ware sein und gleichzeitig ein stilles Gedenken an die aufgewendete Lebensmüh‘.
Und wissen Sie, was die eigentliche Ironie der Geschichte ist? Die kostbarsten Dinge des Lebens – ein ehrliches Lachen, ein gutes Gespräch, die Liebe – kosten uns in der Regel keinen Cent. Sie verlangen aber etwas viel Wichtigeres: echte, ungeteilte Lebenszeit.
Denken Sie also daran, wenn Sie das nächste Mal etwas wegwerfen möchten, was Sie teuer erstanden haben. Überlegen Sie kurz, ob es Ihnen diesen Tauschhandel des Lebens wirklich wert war. Und wenn Sie sich das nächste Mal etwas Zeit erkaufen, indem Sie einen Handwerker rufen – seien Sie nicht kleinlich mit dem Preis. Sie bezahlen mit Ihrem Gelde schließlich die Lebenszeit eines anderen.
In diesem Sinne, meine verehrten Damen und Herren, pflegen Sie Ihre Taler wohl, aber vor allem: pflegen Sie Ihre Zeit. Sie ist das einzige Kapital, das sich nicht vermehren lässt, egal, wie fleißig Sie sind.
Ihr Karl Pfefferkorn, der sich jetzt eine Ruhepause gönnt


