Verehrte Leserinnen, geschätzte Leser,
haben Sie in letzter Zeit einmal versucht, einen Gedanken zu fassen, der länger ist als ein durchschnittliches Wiener Würstchen? Ich meine damit nicht das flüchtige Aufblitzen einer Idee beim morgendlichen Rasieren, sondern das handfeste, beinahe schweißtreibende Ringen um Worte, das früher einmal einen „Brief“ ergab. Wenn ich heute beobachte, wie die Generation der Daumen-Akrobaten über ihre gläsernen Täfelchen wischt, beschleicht mich das Gefühl, dass die Menschheit an einer akuten Form der geistigen Flachatmung leidet.
In meiner Werkstatt galt stets das Gesetz der Langsamkeit: Ein guter Stiefel braucht Zeit auf dem Leisten. Man kann das Leder nicht hetzen. Ähnlich verhält es sich mit der Zuneigung. Früher saßen wir an Küchentischen, die Feder in die Tinte getaucht, und produzierten zwei Seiten Liebesbrief – ein Dokument der Selbstvergewisserung. Wer schreibt, der bleibt nicht nur, er wird sich seiner selbst erst bewusst. Man musste die Reibung der Feder auf dem Papier aushalten, das Warten auf die Post, die Ungewissheit. Das war kein Stillstand, das war das Training des „Gedulds-Muskels“, der heute bei vielen Zeitgenossen so verkümmert ist wie ein ungenutzter Fußrücken in zu engen Lackschuhen.
Heute schickt man stattdessen ein gelbes Gesichtchen mit Herz-Augen oder, wenn es ganz wild hergeht, ein pulsierendes rotes Pixel-Herz. Ein Emoji ist jedoch kein Gefühl; es ist lediglich die Arbeitsverweigerung des Geistes. Während der Pandemie hat man den Leuten scheinbar auch noch die letzten echten Reibungspunkte geraubt, und nun kommunizieren sie in Häppchen, die kaum den Nährwert eines hohlen Zahns besitzen. Diese digitale Schnappatmung verhindert jede Tiefe. Ein Emoji wiegt nichts. Ein Brief hingegen, handgeschrieben, vielleicht mit einem Kaffeefleck oder dem Duft von billigem Parfum, besitzt eine metaphysische Schwere. Er ist ein Anker in der Zeit.
Wenn Sie hunderte solcher Briefe im Schrank hüten, dann besitzen Sie keinen Staubfänger, sondern ein Archiv echten Lebens. Sie sind ein biografischer Zeitreisender. Die Jugend von heute hingegen droht, in einer ewigen Gegenwart zu verpuffen, weil sie verlernt hat, dass man für die wirklich wichtigen Dinge im Leben Sitzfleisch braucht. Wer nicht mehr fähig ist, drei Sätze am Stück zu formulieren, der verliert schleichend die Fähigkeit, sich selbst zu verstehen.
Vielleicht sollten wir das Smartphone öfter mal beiseitelegen und stattdessen das „Leder der Sprache“ wieder ordentlich klopfen. Es lohnt sich.
Denn wer nur noch in Emojis denkt, dessen Seele passt am Ende in eine Streichholzschachtel – und das wäre doch ein jämmerliches Schuhmaß für ein Menschenleben.
Ihr Karl Pfefferkorn
Schuhmachermeister und Verfechter des gepflegten Wort-Leistens


