Ein stiller Gruß aus dem Unterholz: Über die neue Einsamkeit auf Schusters Rappen

Verehrte Leserinnen und Leser, geschätzte Wanderfreunde und jene, die es im Schweiße ihres Angesichts noch werden wollen,

haben Sie sich in letzter Zeit einmal in die freie Natur gewagt? Ich spreche nicht vom hastigen Schritt zur Straßenbahn in der Leipziger Innenstadt, sondern vom echten, tiefen Wald, dort, wo die Luft nach Harz schmeckt und der Boden unter den Sohlen federt. Man sollte meinen, dass die Abgeschiedenheit zwischen Fichten und Farnen das Herz des Menschen öffnet. Doch weit gefehlt! Wie ich neulich bei einer kleinen Exkursion feststellen musste, scheint der deutsche Wald zu einer Zone des beredten Schweigens mutiert zu sein.

Es gab einmal ein ungeschriebenes Gesetz, so fest wie eine doppelt genähte Brandsohle: Wer sich am Berg oder im Forst begegnet, der grüßt. Ein kurzes „Guten Tag“, ein freundliches Nicken oder – für die ganz Wagemutigen – ein herzliches „Moin“, je nachdem, wohin es einen verschlagen hat. Doch heute? Wenn man einem Zeitgenossen begegnet, erlebt man ein Schauspiel, das an die Mimikry seltener Insekten erinnert. Plötzlich wird die Untersuchung der eigenen Schuhspitzen zur lebenswichtigen Aufgabe. Da wird mit einer Intensität auf das Profil gestarrt, als gelte es, eine bahnbrechende geologische Entdeckung zu machen, nur um ja nicht den Blick des Gegenübers streifen zu müssen.

Man fragt sich unwillkürlich: Besitzen diese modernen 500-Euro-Gore-Tex-Panzerungen eigentlich eine eingebaute Isolierung gegen die einfachste Form der menschlichen Etikette? Es scheint fast so, als würde die funktionale High-Tech-Faser nicht nur den Regen abhalten, sondern auch jeglichen Funken von Höflichkeit im Keim ersticken. Wer in einer Ausrüstung steckt, die für eine Nordpol-Expedition ausreichen würde, hat offenbar keine Kapazitäten mehr frei für ein schlichtes „Hallo“. Vielleicht fürchtet man auch, dass durch das Öffnen des Mundes die mühsam regulierte Körperwärme entweicht?

Besonders reizvoll ist der „Stumme Blick“. Wenn man es doch wagt, ein freundliches Wort in die Stille zu werfen, erntet man oft ein Gesicht, als hätte man gerade ein UFO im sächsischen Unterholz geparkt. Ein Blick, so leer und ausdruckslos, dass man sich fragt, ob die digitale Demenz bereits die basalen Reflexe des Grußzentrums im Gehirn gelöscht hat. Wahrscheinlich prüft die Smartwatch im selben Moment gerade die Herzfrequenz und warnt vor „unerwarteten sozialen Interaktionen“.

Ist der Wald nun also zur anonymen U-Bahn-Station geworden, in der man sich gegenseitig als lästige Hindernisse auf dem Weg zum nächsten Aussichtspunkt wahrnimmt? Es ist ein Jammer. Ein Gruß bricht keinen Zacken aus der Krone, er ist das Schmiermittel des menschlichen Miteinanders – so wie das Fett für das gute Oberleder. Ohne ihn wird die Seele spröde und rissig.

Vielleicht versuchen Sie es bei Ihrem nächsten Ausflug einfach mal wieder mit einem Lächeln. Es kostet nichts, wiegt weniger als ein Müsliriegel und verbessert die Atmosphäre mehr als jede atmungsaktive Membran.

Ihr Karl Pfefferkorn

Schuhmachermeister und aufmerksamer Wandergast


Karl Pfefferkorn (1897-1961)
Schuhmachermeister zu Großsteinberg