Verehrte und geschätzte Leserinnen und Leser,
haben Sie heute schon einmal tief durchgeatmet und sich dabei so richtig „frei“ gefühlt? Oder drückte der Schuh mal wieder an einer Stelle, die Sie so gar nicht beeinflussen konnten? In meiner kleinen Werkstatt in Großsteinberg habe ich über die Jahrzehnte gelernt: Ein Schuh kann noch so prächtig glänzen – wenn er zu eng ist, hilft alle Freiheit der Welt nichts, man kommt einfach nicht voran. Und genau so verhält es sich wohl auch mit diesem großen, schillernden Wort, das derzeit wieder auf so vielen Transparenten spazieren getragen wird.
Es sind ja gerade wieder ganze Scharen von Zeitgenossen unterwegs, die lautstark behaupten, für ihre Freiheit zu demonstrieren. Und als ob das nicht schon genug der Mühe wäre, wollen sie diese Freiheit auch gleich für mich mit erstreiten. Ich muss gestehen: Wenn sie es blieben ließen, wäre es um meine persönliche Freiheit vermutlich deutlich besser bestellt. Wahre Freiheit ist ein scheues Reh, das sich nur ungern im Lärm von Megaphonen zeigt.
Aber schauen wir uns das Malheur doch einmal genauer an. Da gab es diesen Herrn Lenin – die Älteren unter Ihnen werden sich an jenen Revolutionär erinnern, der das Konstrukt der Sowjetunion mit aus der Taufe hob. Er pflegte zu sagen: „Freiheit ist die Einsicht in die Notwendigkeit.“ Ein wunderbarer Satz für ein Zuchthaus, nicht wahr? Wenn der Gefangene einsieht, dass die Gitterstäbe notwendig sind, ist er quasi schon auf Urlaub. Mumpitz! Ein zu kleiner Schuh wird nicht bequemer, nur weil ich einsehe, dass kein größeres Leder da war.
Wussten Sie eigentlich, dass „“Sowjetunion” auch nur eine Art Spitzname war? “Sowjet” ist das russische Wort für “Rat”. Die Sowjetunion war eine “Räterepublik”. Das ist eher etwas Verwaltungstechnisches. In jeder Gemeinde gab es einen Rat und jedem Kreis, jedem Bezirk und jeder Republik. So war das auch in der DDR. Die Sowjetunion hieß offiziell “Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken”. In deutsch wurde das UdSSR abgekürzt. In englisch hieß es “Union of Soviet Socialist Republics”, also USSR. Die Originalbezeichnung lautete “Sojus Sowjetskich Sozialistitscheskich Respublik” und in der Abkürzung “SSSR”. Da Russisch aber kyrillisch geschrieben wurde und das kyrillische “S”, wie unser “C” aussieht und das kyrillische “R” wie unser “P”, las sich das als “CCCP”. Aber ich schweife ab, verzeihen Sie einem alten Schuster die Freude am Detail.
Dann wäre da noch die gute Rosa Luxemburg. „Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden“, meinte sie. Das klingt edel, wird aber heutzutage oft so missverstanden, dass man jede Absurdität als Freiheitsrecht verkauft. Nur weil ich die Freiheit habe zu denken, ein Virologe sei eine von „Echsenmenschen“ gesteuerte Marionette, bedeutet das nicht, dass die Realität vor meiner Einbildung salutieren muss. In einer Sowjetunion wäre man mit so einer Gegenhaltung übrigens schlicht aus der Öffentlichkeit verschwunden und hätte sich nur noch über das Lenin-Zitat „frei“ fühlen dürfen.
Die meisten Menschen verstehen unter Freiheit heute: „Tun und lassen können, was ich will.“ Stellen Sie sich vor, geschätzte Leser, Sie gewännen bei einem Preisausschreiben genau das: Einen Monat absolute Freiheit! Man fliegt Sie mit dem Hubschrauber auf eine einsame Insel, lässt Sie dort nackt im weißen Sand stehen und der Pilot winkt zum Abschied. Keine Gesetze, keine Steuern, kein Chef. Aber nach drei Stunden auf schroffen Steinen ohne Schuhe (ein Jammer!) und ohne Aussicht auf ein Abendbrot dämmert Ihnen: Diese Freiheit ist verdammt einsam und führt direkt in den Hungerast.
Wahre Freiheit existiert überhaupt nur innerhalb einer Gemeinschaft. Wir wollen die Freiheit, die uns das Geld ermöglicht – Häuser, Strom, Internet. Aber Geld ist letztlich nur der Anspruch auf die Leistung anderer. Wer Freiheit beansprucht, ohne einen Beitrag zu leisten, ist kein Freigeist, sondern ein Schmarotzer. Ein Investmentbanker oder eine Erbin, die im Luxus schwelgen, ohne der Gemeinschaft einen echten Wert zurückzugeben, hätten vor 20.000 Jahren in einer Sippe keine Woche überlebt. Man hätte sie schlicht aus der Gruppe gewiesen.
Freiheit ist kein unendliches Gut, das man sich einfach nimmt. Die wirkliche Freiheit ist der Durchschnitt der Lebensqualität aller Menschen. Alles, was weit darüber liegt, ist Schmarotzertum auf Kosten anderer; alles, was weit darunter liegt, ist bittere Not. Die Grenzen unserer Freiheit setzt uns oft die Natur, aber die schlimmsten Grenzen setzen wir uns selbst durch ein falsches Miteinander.
Vielleicht sollten wir also weniger für „die“ Freiheit brüllen und mehr dafür sorgen, dass der Schuh des Nachbarn genauso gut passt wie der eigene. Denn Freiheit ohne Verantwortung ist wie ein Schuh ohne Sohle: Man merkt erst, wie viel sie wert ist, wenn man sich auf dem harten Boden der Tatsachen die Füße blutig läuft.
Denken Sie mal darüber nach, während Sie Ihre Schnürsenkel richten.
Ihr ergebener
Karl Pfefferkorn
Schuhmachermeister zu Großsteinberg

