Früher war es auch schon warm! – Wenn der Verstand im eigenen Saft schmort

Geschätzte Leserinnen und Leser,

haben Sie in diesen Tagen auch das Gefühl, dass sich der Asphalt vor unserer Haustür in Großsteinberg elastischer verhält als das menschliche Denkvermögen mancher Zeitgenossen? Wir schreiben eine Juni-Woche, die uns mit geschmeidigen 38 Grad im Schatten segnet. Die Vögel fliegen tief, vermutlich um dem sprichwörtlichen Hitzekoller zu entgehen, und mein gutes, altes Werkstatt-Thermometer klettert in Regionen, die man früher nur aus den Schauergeschichten von Afrika-Reisenden kannte. Ein neuer Rekord jagt den nächsten – wir schwitzen quasi im Akkord.

Und doch, man glaubt es kaum, trifft man beim abendlichen Becher Bier vor dem Hoftor immer noch auf jene unerschütterlichen Stoiker, die sich die Schweißperlen von der Stirn wischen und lauthals verkünden: „Mensch, Karl, das ist eben Sommer! Früher war es auch schon mal warm.“

Da glüht mir nicht nur die Fußsohle, da schmilzt mir glatt das Gehirn weg – ganz ähnlich dem billigen Klebstoff, den die modernen Fabriken heute für ihre Wegwerfschuhe verwenden. Ein gelernter Schuhmacher weiß: Wenn das Leder spröde wird und die Sohle wegbricht, liegt das nicht an einem „normalen Verschleiß innerhalb von fünf Minuten“, sondern daran, dass die Hütte brennt!

Die Argumente dieser Hitzebeständigen sind von einer faszinierenden, fast schon rührenden Naivität. „Früher gab es auch Hundstage!“, rufen sie, während die Elbe flach wie eine Pfütze daliegt und die Fichten im nahen Forst kollektiv das Zeitliche segnen. Das ist in etwa so, als würde ich behaupten, mein linker Stiefel sei absolut wasserdicht, während mir das Elbwasser bereits zum Knie herreingurgelt. Man ignoriert das Offensichtliche mit einer Eleganz, die jedem Strauß zur Ehre gereichen würde. Nur, dass der den Kopf in den Sand steckt, während wir ihn hier im Leipziger Umland direkt in den mürben, ausgetrockneten Mutterboden rammen.

Es ist eine seltsame Marotte des modernen Menschen geworden, die Realität einfach wegzudiskutieren, wenn sie einem das gewohnte Weltbild verhagelt – oder eben verschmort. Wenn die Rekorde von gestern die Normalität von heute und die kühlen Tage von morgen sind, dann reden wir nicht mehr vom „schönen Wetter“. Dann reden wir von einem Ofen, in dem wir alle sitzen. Und der Bäcker hat vergessen, die Zeitschaltuhr zu drücken.

Vielleicht sollten wir diesen Unbeirrbaren einfach ein Paar extra dicke Winterstiefel aus bestem Rindsleder verpassen. Wenn sie dann bei 40 Grad im eigenen Saft schmoren, können sie ja weiterhin behaupten, das Frösteln im Zehenbereich sei völlig normal für die Jahreszeit.

Ihr Karl Pfefferkorn

Mit hitzigen Grüßen und stets kühlem Kopf aus der schattigen Schuhmacherstube.


Karl Pfefferkorn (1897-1961)
Schuhmachermeister zu Großsteinberg