Geschätzte Leserinnen und Leser,
heute möchte ich in meiner Eigenschaft als erfahrener Beobachter menschlicher Eigenheiten – und als Schuhmachermeister, der wusste, dass es beim Flicken eines Schuhs nicht um die gestoppte Sekunde, sondern um das Ergebnis ging – ein Phänomen beleuchten, das mir in seiner Bezeichnung schlicht unverständlich erscheint: der sogenannte „Arbeitszeitbetrug“.
Der Begriff suggeriert ja, es handle sich um eine kriminelle Machenschaft, einen Lug und Trug. Man stempelt sich ein, lehnt sich zurück, trinkt genüsslich Kaffee oder surft im Netz – und lässt sich dafür bezahlen, ohne zu arbeiten. Die Zeit vergeht, und das Konto füllt sich.
Aber halten wir doch einmal inne und schauen genauer hin, oder, wie man heute sagt, betrachten wir die Dinge aus der Vogelperspektive: Wozu stellt ein Arbeitgeber Sie eigentlich ein? Nicht, um die Luft in seinem Büro für eine bestimmte Anzahl von Stunden zu verdrängen! Sondern um eine bestimmte Aufgabe zu erfüllen. Sie sollen Tische bauen, Kunden beraten, Briefe sortieren oder, nun ja, Schuhe flicken.
Die Abrechnung erfolgt der Einfachheit halber über die Zeit. Das ist die Konvention, die man sich in der modernen Welt so ausgedacht hat. Aber die wahre Währung ist doch die erledigte Aufgabe!
Wenn Sie Ihre Arbeit schnell, effizient und zur vollsten Zufriedenheit erledigen und dafür weniger Zeit benötigen, als man Ihnen zugesteht – ist das dann Betrug? Ich sage: Nein! Dann haben Sie sich einfach ein wenig „Freiheit“ erarbeitet, um die Füße hochzulegen. Wenn der Investmentbanker ein Luxusleben führt, obwohl er keinen wirklichen Beitrag leistet, dann ist der Genuss einer kleinen Pause nach getaner Arbeit erst recht kein Vergehen.
Wenn Sie hingegen am Ende des Tages Ihre Aufgaben nicht erfüllt haben, dann liegt das Problem doch nicht in Ihrer Pausenzeit, sondern woanders! Entweder wurden Ihnen zu viele Aufgaben aufgebürdet, als dass sie in der zur Verfügung stehenden Zeit zu schaffen wären, oder, und das müssen wir ganz nüchtern feststellen, Sie sind für die Stelle schlicht ungeeignet. Die Aufgabe ist nicht erledigt – das ist das Drama, nicht der Stoppuhren-Stand!
Warum diese Fixierung auf die reine Zeitmessung? Es scheint mir, als würde man sich in den modernen Unternehmen eher um die Länge des Kabels sorgen als um die Qualität der Verbindung.
In der guten alten Schuhmacher-Welt galt: Der Schuh muss halten! Ob ich nun zwei Stunden am Leisten stehe oder nur anderthalb – wenn die Naht reißt, war es vertane Zeit. Wenn sie hält, habe ich meine Pflicht erfüllt.
Also, meine Damen und Herren, wenn Sie Ihre Pflicht getan haben, dann gönnen Sie sich ruhig eine Tasse Kaffee – oder, wie ich das nenne, eine wohlverdiente „Einsicht in die Notwendigkeit“ der Entspannung. Denn das eigentliche Problem ist nicht die nicht gearbeitete Minute, sondern die nicht erledigte Sache. Und das, das ist ein Problem für den Chef, nicht für den Strafkatalog.


