Sehr geehrte Leserinnen und Leser,
gestatten Sie mir, dass ich heute einmal den Zeigefinger hebe – nicht drohend, Gott bewahre, sondern eher wie ein Philanthrop, der beim Blick auf den Kalender eine leichte Form von Schwindel verspürt. Es sind, man mag es kaum glauben, noch exakt 77 Tage bis Heiligabend und immerhin 54 Tage bis zum ersten Advent. Eigentlich ein Zeitraum, in dem man noch in aller Ruhe die letzten welken Blätter im Garten zusammenfegen oder die Winterschuhe frisch besohlen lassen könnte.
Doch gehen Sie heutzutage einmal in den sogenannten „Krämerladen an der Ecke“, der sich ja mittlerweile meist als riesiger Konsumpalast in zehn Kilometern Entfernung tarnt. Dort herrscht bereits tiefster Winter – und das bei Temperaturen, die eher nach einem kühlen Hellen als nach Glühwein verlangen. Seit Wochen starren sie uns aus den Regalen an: die Lebkuchen, Pfefferkuchen und Gewürzkuchen.
Nun belehrt uns das Lexikon, dass diese Köstlichkeiten ein Gebäck der Advents- und Weihnachtszeit seien. Ein Blick in den Einkaufswagen meines Nachbarn beweist jedoch das Gegenteil: Dort lagert das Weihnachtsgebäck bereits neben der Sonnenmilch. Ich hege ja die stille Hoffnung, dass es sich bei dieser Ware nicht um die unverkaufte Aussteuer des letzten Jahres handelt, sondern dass die Fließbänder der Industrie einfach niemals stillstehen. Wahrscheinlich werden die Schokoladenweihnachtsmänner bereits im Juli in ihre glitzernde Rüstung gepresst, nur damit die Maschinen pünktlich zu Neujahr auf die Produktion von Osterhasen umstellen können.
Haben Sie sich auch schon gefragt, warum wir eigentlich so strikt trennen? Es wäre doch nur konsequent, wenn der Handel die Saisons einfach verschmelzen ließe. Stellen Sie sich vor: Der Osterhase und der Weihnachtsmann stünden einträchtig nebeneinander im Regal. Sie hätten sich sicherlich viel zu erzählen – über die Absurdität der menschlichen Ungeduld etwa. Man könnte die Hasen doch gleich aus Lebkuchenteig backen, dann sparte man sich das lästige Umräumen und könnte das ganze Jahr über „Oster-Weihnachts-Gebäck“ knuspern. Die Schokoladeneier hängen wir dann wahlweise an die Tanne oder den Birkenzweig – ganz wie es die Laune oder der aktuelle Sonderpostenmarkt vorgibt.
Sie schütteln den Kopf? Sie finden, das wäre nicht mehr schön? Da gebe ich Ihnen vollkommen recht. Aber Hand aufs Herz, geschätzte Leser: Wir steuern geradewegs auf diesen Einheitsbrei zu, indem wir jedes Jahr ein Stückchen früher nach den Leckereien greifen, die eigentlich erst in die dunkle Jahreszeit gehören.
Die Adventszeit ist mit ihren vier bis fünf Wochen eine wunderbare Erfindung. Sie ist eine Zeit der Vorfreude, ein Warteraum der Gemütlichkeit. Aber diese Zeit verliert ihren Zauber, wenn wir sie bis in den Spätsommer ausdehnen. Ein Stollen schmeckt nur deshalb so herrlich, weil man ihn eben nicht im August beim Grillen verzehrt.
Mein bescheidener Rat an Sie: Üben Sie sich in der hohen Kunst der Askese. Machen Sie mit und lassen Sie die Lebkuchen im Regal stehen, bis die erste Kerze brennt. Sie werden sehen – die Vorfreude ist ein Gewürz, das kein Lebensmittelchemiker der Welt künstlich herstellen kann. Es schmeckt dann einfach besser.
Wer den Weihnachtsbraten schon im September verzehrt, muss sich nicht wundern, wenn ihm im Dezember der Hunger auf das Besondere fehlt.
Ihr Karl Pfefferkorn,
der sich besonders auf seine Marzipankartoffeln freut


