Rückenwind aus der Steckdose: Über das elektrische Ross und den Übermut im Sattel

Verehrte Leserinnen und Leser, geschätzte Pedalritter der Neuzeit,

man muss den Hut ziehen vor dem menschlichen Erfindergeist! Da hat man dem guten alten Drahtesel doch tatsächlich einen unsichtbaren Anschieber verpasst. Das Elektrofahrrad – oder „E-Bike“, wie man heute so weltmännisch sagt – ist eine fabelhafte Errungenschaft. Endlich können auch wir, deren Kniegelenke schon ein paar Jahrzehnte mehr auf dem Buckel haben als eine fabrikneue Brandsohle, die Hügel rund um das Muldental erklimmen, ohne danach ein Sauerstoffzelt zu benötigen. Es ist, als hätte man permanent den Wind im Rücken, selbst wenn die Fahnen in Großsteinberg schlaff am Mast hängen.

Doch ach, meine Herrschaften, schauen wir uns einmal an, was der geschätzte Mitbürger aus diesem technologischen Segen macht! Es ist ein Schauspiel sondergleichen. Da schwingt sich der rüstige Rentner oder der gestresste Bürohengst in den Sattel, drückt auf das Knöpfchen für die „Turbo-Unterstützung“ und schießt los, als gälte es, die Friedensfahrt im Alleingang zu gewinnen. Die Technik funktioniert tadellos – der Motor summt wie ein fleißiges Bienchen und schiebt mit einer Kraft voran, die manch altem Moped zur Ehre gereichen würde.

Das Problem ist nur: Die Reflexe des Reiters sind leider nicht im Lieferumfang enthalten. Man rast mit 25 Kilometern pro Stunde über den Waldweg, die grauen Schläfen flattern im Wind, und im Kopf fühlt man sich wie der junge Gott auf dem Olymp. Doch wehe, es taucht plötzlich ein freilaufender Dackel oder – Gott bewahre – eine tückische Baumwurzel auf! Dann stellt man fest, dass die Bremswege bei dieser Geschwindigkeit doch etwas länger sind als beim gemütlichen Dahingekurbel von anno dazumal.

Es ist ein drolliger Anblick: Die Leute thronen auf ihren Hightech-Gefährten, als säßen sie in einer gemütlichen Sänfte, und vergessen dabei völlig, dass sie immer noch ein physikalisches Objekt durch den Raum steuern. Man verlässt sich so sehr auf die Kraft aus der Batterie, dass man das Lenken und vorausschauende Denken glatt vernachlässigt. Da wird mit einer Nonchalance in die Kurve gegangen, die jedem Motorradprofi den Angstschweiß auf die Stirn treiben würde.

Die Technik ist eben nur so klug wie derjenige, der den Lenker hält. Ein E-Bike macht aus einem unsicheren Radler keinen Tour-de-France-Sieger, es macht ihn lediglich zu einem schnelleren unsicheren Radler. Es ist wie mit einem guten Schuh: Er kann noch so prachtvoll gearbeitet sein – wenn der Träger darin stolpert, hilft auch das feinste Leder nicht.

Genießen Sie also diesen wunderbaren Rückenwind aus der Steckdose! Er ist ein Geschenk des Fortschritts. Aber behalten Sie bitte im Hinterkopf: Der Motor liefert zwar den Schwung, aber für den Verstand und das Gleichgewicht sind Sie immer noch ganz allein zuständig. Es wäre doch jammerschade, wenn die schöne neue Welt der Mobilität am nächsten Weidezaun endet.

Ihr Karl Pfefferkorn

Schuhmachermeister und begeisterter Beobachter beschleunigter Zeitgenossen


Karl Pfefferkorn (1897-1961)
Schuhmachermeister zu Großsteinberg