Verehrte und geschätzte Leserinnen und Leser,
haben Sie die Feiertage ohne größere Blessuren an Leib und Seele überstanden? Ich hoffe es inständig. Nun sitzen wir also alle gemeinsam im Boot des neuen Jahres, das noch so unverbraucht und glänzend daherkommt wie ein Paar frisch gewichste Sonntagstiefel. Doch bevor wir uns an die Arbeit machen, ereilt uns eine Lawine, gegen die selbst die Schneemassen des Winters 1929 wie Puderzucker wirken: die Flut der Neujahrswünsche.
Es ist ein faszinierendes Phänomen, finden Sie nicht auch? Seit Tagen schallt es uns von jeder Straßenecke, aus jedem Briefkasten und neuerdings wohl auch aus diesen kleinen flimmernden Apparaten entgegen, die Sie ständig in den Händen halten: „Ein gesundes neues Jahr!“, „Viel Erfolg!“, „Alles Gute!“. Man kommt sich fast vor wie in einer Schusterei, in der jeder Kunde beim Hereinkommen erst einmal eine Handvoll Nägel in die Luft wirft, in der Hoffnung, einer möge den Weg in die richtige Sohle finden.
Verstehen Sie mich recht, ich schätze die Höflichkeit. Ein guter Wunsch ist wie ein sauberer Schnitt im Leder – er gibt der Sache Form. Aber die schiere Ausdauer, mit der wir uns gegenseitig Glück verordnen, hat doch etwas rührend Zwanghaftes. Man fragt sich beinahe, ob das Schicksal derart schwerhörig ist, dass wir es mit der zehnten Wiederholung des immergleichen Satzes erst davon überzeugen müssen, uns nicht sofort wieder ein Loch in die Sohle zu brennen.
Haben Sie schon einmal beobachtet, wie sich die Neujahrswünsche im Laufe des Januars verändern? In der ersten Woche sind sie noch frisch und forsch. In der zweiten Woche schleicht sich bereits eine leichte Ermüdung ein, ein „Ach ja, Ihnen übrigens auch noch…“. Und wenn man sich Ende Januar begegnet, wirkt der Wunsch fast schon wie eine Entschuldigung für die eigene Existenz im neuen Kalenderabschnitt. Wir wünschen und wünschen, bis die Worte so abgetreten sind, dass man darauf ausrutschen könnte.
Vielleicht sollten wir die Sache etwas handwerklicher angehen. Ein Wunsch ist nämlich wie ein Absatz: Er muss sitzen, damit man nicht stolpert. Statt der Gießkanne voller „Alles Gute“ täte es vielleicht ein gezielter, maßgeschneiderter Gedanke. Denn was nützt mir der Wunsch nach „viel Erfolg“, wenn ich eigentlich nur ein wenig Ruhe brauche, um meine eigenen Gedanken zu sortieren?
Das neue Jahr wird ohnehin tun, was es will – es schert sich wenig um die Etikette. Aber wir Menschen, wir brauchen diese rituellen Beschwörungen wohl, um uns gegenseitig zu versichern, dass wir noch da sind. Dass wir einander wohlgesonnen sind, selbst wenn die Welt draußen manchmal so drückt wie ein zu enger Schuh.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen, geschätzte Leser, nicht das Blaue vom Himmel, sondern schlichtweg die Standfestigkeit, die man braucht, um auch auf unebenen Wegen nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Mögen Ihre Vorsätze länger halten als der Leim bei einem Billigschuh aus Übersee.
Herzlichst,
Ihr Karl Pfefferkorn
Nachgedacht: Wenn wir das ganze Jahr über so freundlich zueinander wären wie in der ersten Januarwoche – hätten wir dann überhaupt noch Zeit für die Arbeit, oder würden wir vor lauter Wünschen das Gehen verlernen?


