Von gelben Stiefmütterchen und grauen Seelen: Die Kunst der gepflegten Alltagsempörung

Geschätzte Leserinnen und Leser,

wenn man wie ich ein ganzes Leben lang Leder bearbeitet hat, dann lernt man eine Sache ganz gewiss: Nicht jede kleine Falte im Schaft ist gleich ein Loch, und nicht jeder Krümel im Stiefel verdient ein Drama. Man klopft ihn heraus und geht weiter. Doch wenn ich heute meine Blicke durch die Straßen wischen lasse, gewinne ich den Eindruck, dass das feine Handwerk der Gelassenheit vollkommen aus der Mode gekommen ist. Die Menschen suchen nicht mehr nach Lösungen – sie suchen nach Anlässen.

Man muss sich das einmal auf der Zunge zergehen lassen. Da sitzt der Nachbar am Fenster und beobachtet mit hochrotem Kopf, dass im Kasten gegenüber plötzlich gelbe Stiefmütterchen blühen. Gelb! Wie kann man nur! Gleich darauf wird mit akribischer Stoppuhr protokolliert, dass der Passant von nebenan heute bereits zum dritten Mal am Zaun vorbeigeschlendert ist. Hat der etwa keinen Dienstplan? Und als wäre das des Frevels nicht schon genug, erdreistet sich die Dame von gegenüber auch noch, ihre Rollos bereits zwanzig Minuten vor dem eigentlichen Sonnenuntergang herunterzuziehen. Ein Skandal, fürwahr! Da kocht die Volksseele in der kleinen Stube, bis der Deckel klappert.

Es ist eine kuriose Unart geworden. Man hat das Gefühl, etliche Zeitgenossen hegen eine regelrechte Leidenschaft dafür, aus einer Mücke nicht nur einen Elefanten, sondern gleich eine ganze Herde zu züchten. Doch wer ehrlich zu sich ist – und ein wenig sächsische Gemütlichkeit hat noch niemandem geschadet –, der ahnt rasch, was wirklich dahintersteckt. Wer sich pausenlos über die gelben Blumen des Nachbarn echauffiert, muss sich schlichtweg nicht mit dem Grauschleier in der eigenen Seelenstube beschäftigen.

Die kleine, gepflegte Empörung ist nämlich ein wunderbares Ablenkungsmanöver. Sie erspart einem die unbequeme Frage nach der eigenen Unzufriedenheit. Es ist ja auch viel einfacher, dem Tischnachbarn die Schuld am schlechten Essen zu geben, als zuzugeben, dass man selbst den Salzstreuer umgeworfen hat. Dabei würde eine winzige Dosis Selbstreflexion Wunder wirken. Wenn man einmal kurz innehält, tief durchatmet und sich fragt, ob das fremde Rollo das eigene Leben tatsächlich verschlechtert, passiert meist etwas Erstaunliches: Das direkte Umfeld verliert blitzartig seine Schrecken. Die Blumen blühen einfach nur, der Passant vertritt sich die Beine und die Welt dreht sich friedlich weiter.

Probieren Sie es ruhig einmal aus. Schonen Sie Ihre Nerven – man braucht sie schließlich noch für die wirklich wichtigen Dinge des Daseins.

Ihr Karl Pfefferkorn

Mit entspannten Grüßen aus der Schuhmacherstube


Karl Pfefferkorn (1897-1961)
Schuhmachermeister zu Großsteinberg