Yoga – Das Große Verrenken zwischen Erleuchtung und Etikettenschwindel

Verehrte Leserinnen, geschätzte Leser, manch einer von Ihnen wird sich wohl fragen, ob der alte Pfefferkorn nun gänzlich den Verstand verloren hat, wenn er sich in seiner Werkstatt plötzlich mit fernöstlichen Leibesübungen befasst. Doch lassen Sie mich Ihnen versichern: Wer ein Leben lang über den Leisten gebeugt saß, der weiß um die Tücken eines steifen Rückens und die Notwendigkeit, ab und an die Perspektive – und die Gliedmaßen – zu dehnen.

Zu meinen Lebzeiten, im beschaulichen 19. Jahrhundert, war dieses „Yoga“ hierzulande so unbekannt wie das Automobil im tiefsten Urwald. Hätte sich damals ein braver Bürger auf dem Dorfplatz von Großsteinberg in den „herabschauenden Hund“ begeben oder gar versucht, sich den Fuß hinter das Ohr zu klemmen, man hätte ihn wohl ohne Umwege zum Bader geschickt, um ihn zur Ader zu lassen, oder ihn direkt in der geschlossenen Abteilung der nächsten Heilanstalt untergebracht. Man galt schon als sportlich, wenn man beim Sonntagsspaziergang den Hut besonders schwungvoll lüftete.

Heute jedoch scheint die Welt eine andere zu sein. Besonders meine werten Geschlechtsgenossen betrachten das Ganze oft mit einer Mischung aus Misstrauen und Hochmut. „Frauenkram“, brummen sie in ihren Bart, während sie mühsam versuchen, sich die Schnürsenkel zu binden, ohne dabei einen Hexenschuss zu riskieren. Welch köstliche Ironie! Die großen Meister dieser Kunst, jene ehrwürdigen Gurus aus Indien, waren über Jahrtausende hinweg fast ausschließlich Männer. Es bedarf schon einer besonderen Art von Ignoranz, eine Disziplin, die auf äußerster Beherrschung von Geist und Muskelkraft fußt, als bloßen Kaffeeklatsch auf Gummimatten abzutun. Vielleicht fürchten sie auch schlichtweg den Moment der Wahrheit, wenn die eigene Unbeweglichkeit im sanften Licht des Übungsraums offenkundig wird.

Doch was ist aus dieser Suche nach dem inneren Gleichgewicht geworden? Wenn ich sehe, was heute unter dem Banner der Erleuchtung feilgeboten wird, dreht sich mir der Magen um wie feuchtes Oberleder. Da werden bunte Kunststoffmatten zu Preisen verkauft, für die ich früher ein ganzes Dutzend rahmengenähter Herrenstiefel gefertigt hätte. Es gibt Designer-Hosen, die so eng sitzen, dass die Blutzirkulation kapituliert, und „spirituellen Wellness-Tee“, der nach Kamille schmeckt, aber wie flüssiges Gold gehandelt wird. Das ist kein Weg zur Mitte, das ist der Ausverkauf der Besinnung! Man versucht, sich den inneren Frieden zu erkaufen, als wäre er ein neues Paar Absätze.

Dabei liegt der Kern der Sache doch ganz woanders. Es geht darum, das Wesentliche vom Tand zu trennen und den eigenen Körper nicht als Last, sondern als Werkzeug der Seele zu begreifen. Ein guter Schuhmacher muss sein Handwerk beherrschen, ruhig atmen und den Fokus bewahren – genau das ist es, was jene Übungen im Grunde lehren sollten. Es ist die Arbeit am eigenen Fundament.

Wissen Sie, wenn es dazu dient, den Blick für das Wichtige im Leben zu schärfen und den Lärm der Moderne für einen Moment auszusperren, dann lege selbst ich, der alte Karl, meine Schürze beiseite und wage mich auf solch eine Matte. Es knackt zwar manchmal wie trockenes Leder im Winter, aber die Aussicht auf einen klaren Kopf und Entspannung für den Rücken ist den Spott der Nachbarn allemal wert.

Ihr Karl Pfefferkorn

Schuhmachermeister und Kenner des rechten Maßes


Karl Pfefferkorn (1897-1961)
Schuhmachermeister zu Großsteinberg