Geschätzte Leserinnen und Leser,
treten Sie ruhig näher in meine bescheidene Werkstatt. Atmen Sie tief ein – dieser Duft von gegerbtem Leder und frischem Pechdraht hat etwas ungemein Beruhigendes, finden Sie nicht? Es ist der Duft von Arbeit, die Zeit braucht. Und genau über die Zeit und die Kunst, sie mit Tinte auf Papier zu bannen, müssen wir heute einmal ganz dringend philosophieren.
Man sagt ja, der Mensch sei ein zutiefst mitteilsames Wesen. Schon die alten Ägypter trieben einen enormen Aufwand, um ihre Hieroglyphen auf Papyrus von A nach B zu befördern. In der Antike bauten die Römer mit dem Cursus Publicus ein logistisches Meisterwerk auf, ein Postnetz, das wie ein gut geschmiertes Uhrwerk funktionierte. Dass dieses System im finsteren Mittelalter erst einmal wieder im märkischen Sand verlief und die Kommunikation auf den mühsamen Botengang schrumpfte, zeigt uns: Fortschritt ist kein Selbstläufer. Erst als das Haus Thurn und Taxis viel später das Postreiten quasi neu erfand, kam wieder Zug in die Sache. Doch der eigentliche, gewaltige Schub im Schacht folgte mit der Alphabetisierung. Plötzlich war der handgeschriebene Brief nicht mehr nur das Privileg der Obrigkeit, sondern das Kommunikationsmedium Nummer eins für jedermann. Man schrieb über das alltägliche Einerlei, man teilte Sorgen und – natürlich – bewies man sich die ewige Liebe auf feinstem Papier. Ein Brief war ein Stück Seele, verpackt in einen Umschlag.
Und heute? Wenn ich mich so umschaue, müssen wir konstatieren: Diese jahrtausendealte Kulturgeschichte ist mit der Generation, die heute so zwischen fünfzig und sechzig Lenzen zählt, klammheimlich zu Grabe getragen worden. Im Osten unserer Republik hielt sich das Ganze übrigens spürbar länger als im Westen. Warum? Ganz einfach: Weil in der DDR ein privater Telefonanschluss so selten war wie ein fehlerfreies Stück Oberleder im Konsum. Wer sich als Jugendlicher verabreden, wer Herzklopfen transportieren wollte, der griff ganz zwangsläufig zum Füller. Das Telefonat war Luxus, der Brief die Realität.
Dabei vergisst man in unserer heutigen, hypernervösen Zeit völlig, was diese Art der Kommunikation eigentlich bedeutete: Zeit und Warten. Die Post war damals kein ICE. Bis ein Brief ankam und die Antwort wieder im eigenen Kasten lag, verging gut und gerne eine Woche. Und wissen Sie was? Das war ein Segen! Man musste sich nämlich festlegen. Wer für den nächsten Monat ein Treffen vereinbarte, der meinte das auch so. Da gab es kein rumeiern.
Dass nun dieselbe Generation, die in ihrer Jugend noch Briefe mit feiner Feder aufs Papier brachte, heute emsig Daumenakrobatik auf dem Smartphone betreibt und „WhatsApp“ nutzt, ist bezeichnend für den Wandel. Mit dem Aussterben des Briefes schwindet nämlich nicht nur eine Technik, sondern ein ganzer Umgang miteinander. Diese wunderbare Verlässlichkeit ist futsch. Heute hält man sich alles offen. „Mal sehen“, „Vielleicht“, „Ich schau mal“ – das sind die Vokabeln der modernen Unverbindlichkeit. Und wenn es dann doch nicht passt? Dann wird der Termin eben fünf Minuten vorher abgesagt. Per Kurznachricht. Zack, weggewischt.
Als Schuhmacher weiß ich: Ein guter Schuh braucht Struktur, Halt und ein festes Fundament. Wenn wir die Handschrift verlieren, verlieren wir auch ein großes Stück Kultur im menschlichen Miteinander. Ein getipptes „Sorry“ hat eben niemals die Tiefe eines sorgsam formulierten, mit Tinte besiegelten Gedankens.
Ihr Karl Pfefferkorn
Mit nachdenklichen Grüßen aus der wehmütig gestimmten Schuhmacherstube.

Schuhmachermeister zu Großsteinberg

