Geschätzte Leserinnen und Leser,
haben Sie sich in diesen Tagen auch schon dabei ertappt, wie Sie mit einer fast kindlichen Hingabe hinter Buchsbaumhecken spähen oder vorsichtig das morsche Laub unter der Gartenbank beiseiteschieben? Es ist wieder so weit: Das Fest der Auferstehung wird im gemeinen Volke vor allem als ein Fest der planmäßigen Suchaktion begangen. Es ist eine höchst kuriose Angelegenheit. Wir verbringen das ganze Jahr damit, Ordnung zu halten – oder es zumindest vorzugeben –, nur um an einem Sonntag im Frühling absichtlich Dinge im Dreck zu verstecken, um sie anschließend unter Freudenschreien wieder hervorzuholen.
Als Schuhmachermeister verbringe ich mein Leben damit, Dinge zusammenzufügen, die zusammengehören. Aber Hand aufs Herz: Wenn mir in der Werkstatt die Ahle vom Werktisch rollt und spurlos im Nirgendwo verschwindet, dann ist das kein Grund zur Freude. Da wird nicht gejubelt, wenn man nach einer halben Stunde Fluchen das gute Stück zwischen den Lederresten wiederfindet. Im Alltag ist das Suchen eine Strafe, eine Demütigung durch die Tücke des Objekts. Doch an Ostern? Da wird die Ineffizienz zur Tugend erhoben.
Warum eigentlich? Vielleicht, weil wir bei der Ostereiersuche wissen, dass wir finden werden. Das Schicksal hat uns hier ein Versprechen gegeben, das uns die Steuererklärung oder die Suche nach dem passenden Gegenstück für einen einsamen Schnürsenkel verweigert. Wir suchen nicht nach dem Notwendigen, sondern nach dem Überflüssigen – und das ist purer Luxus.
Pfeffi meint: „Meister, Sie philosophieren sich wieder um Kopf und Kragen. Der Unterschied ist doch simpel: Wenn du dein Werkzeug suchst, bist du schusselig. Wenn du Eier suchst, bist du gläubig. Die Menschen verlieren Dinge nur deshalb, weil sie insgeheim hoffen, dass sie jemand anderes für sie findet. Das nennt man Faulheit, nicht Philosophie! Übrigens: Wenn ich mal wieder unter einem Haufen Sohlenleder liege, ist das kein Versteckspiel, sondern Freiheitsberaubung.“
Da sehen Sie es, meine Damen und Herren. Selbst mein geschätzter Geselle Pfeffi, der durch seine Brillengläser auf dem Hammerkopf die Welt manchmal etwas zu nüchtern betrachtet, erkennt die Ironie. Während wir im Alltag vor Wut beinahe die Werkstatt einreißen, wenn der Leimtopf nicht an seinem Platz steht, krabbeln wir an Ostern auf allen Vieren durch den nassen Rasen, als wäre es die Erfüllung unseres Daseins.
Vielleicht sollten wir uns ein Stück dieser österlichen Gelassenheit bewahren. Wenn Sie das nächste Mal Ihren Haustürschlüssel suchen, stellen Sie sich einfach vor, der Osterhase hätte ihn für Sie neu platziert. Vielleicht zaubert Ihnen der Gedanke ein Lächeln aufs Gesicht, während Sie den Mülleimer zum dritten Mal ausleeren. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine erfolgreiche Jagd – im Garten wie im Leben.
Ihr Karl Pfefferkorn
Schuhmachermeister und Kenner des verlorenen Glücks
Pfeffis Gesellen-Prüfung:
Wer nach dem Suchen nichts findet, hat falsch geschaut. Wer nach dem Finden nichts hat, hat das falsche Ei erwischt. Frohes Fest!




