Vom flüchtigen Glanz und der Kunst, die Seele zu besohlen

Verehrte Leserinnen, geschätzte Leser, haben Sie heute schon in den Spiegel geschaut und sich gefragt, ob Ihr Gesicht oder doch eher Ihr Bankkonto eine Generalüberholung vertragen könnte? Wir jagen heutzutage Zielen nach, die so beständig sind wie eine billige Gummisohle im Leipziger Dauerregen. Man meint, wenn man erst die nächste Sprosse der Karriereleiter erklommen, das Säckel mit Goldstücken gefüllt oder die Falte auf der Stirn weggebügelt hat, dann – ja, dann – müsse es eintreten: das große, unendliche Glück.

Doch ich sage Ihnen als Schuhmacher, der schon viele abgetretene Hacken gesehen hat: Das menschliche Gehirn ist ein recht eigensinniger Geselle. Es reagiert auf Geld, Status und die glatte Fassade der Schönheit etwa so, wie ein alter Stiefel auf frische Wichse – es glänzt kurz, aber die Struktur darunter bleibt dieselbe. Kaum ist der Zustand erreicht, wird der Zähler wieder auf Null gesetzt. Das Gehirn sagt trocken: „Schön und gut, und was kommt jetzt?“ Wir stecken in einer Tretmühle, die uns zwar außer Puste bringt, aber niemals ans Ziel.

Das wahre Glück, jenes, das nicht beim ersten Schritt ins Freie wieder verfliegt, speist sich aus ganz anderen Quellen. Es sind die Momente, in denen wir uns nicht selbst optimieren, sondern einfach nur sind. Es geht um die Wärme in der Stube, wenn die Familie beisammenzusitzt, um das ehrliche Lachen eines Freundes oder die tiefe Befriedigung, wenn man ein Bedürfnis stillt, das nichts mit Repräsentation zu tun hat. Das Gehirn braucht keine Beweisfotos für den Erfolg; es braucht Erlebnisse, die ins Mark gehen.

Nehmen wir das moderne Spektakel eines Konzerts. Da stehen die Leute und starren den ganzen Abend auf einen winzigen Glasbildschirm, um das Ereignis festzuhalten. Ich frage Sie: Was nützt die Konserve, wenn man den Braten nicht frisch genießt? Machen Sie meinetwegen ein Lichtbild vom Eingang, um der Welt zu zeigen, dass Sie da sind, und meinetwegen ein zerzaustes Selbstporträt beim Hinausgehen, das von der Erschöpfung und Freude kündet. Aber dazwischen? Lassen Sie den Apparat in der Tasche!

Wenn Sie das Konzert mit allen Sinnen erleben, ohne den Drang, es für die Ewigkeit (oder die Nachbarn) zu digitalisieren, dann registriert Ihr Gehirn: „Das hier gefällt mir. Ich bin glücklich.“ Diese unverfälschte Information wird im tiefsten Inneren abgespeichert – ganz ohne Filter. Das ist das Geheimnis der Zufriedenheit: Nicht der Besitz des Augenblicks zählt, sondern die Hingabe an ihn. Wer ständig nur das Ziel fixiert, vergisst, dass man auf dem Weg dorthin auch ordentlich auftreten muss.

Achten Sie also darauf, worauf Sie Ihre Füße setzen. Ein weiches Moosbeet der Gemeinschaft ist mehr wert als der glatteste Marmorboden der Eitelkeit.

Ihr Karl Pfefferkorn

Mit herzlichen Grüßen aus der Werkstatt, wo das Handwerk noch Hand und Fuß hat.


Karl Pfefferkorn (1897-1961)
Schuhmachermeister zu Großsteinberg