Vom Verlust des Vielleicht

Geschätzte Leserinnen und Leser,

haben Sie sich in letzter Zeit einmal in das zweifelhafte Vergnügen gestürzt, einer modernen Debatte beizuwohnen? Es ist ein Spektakel, das mich seltsam an die Arbeit mit einem widerspenstigen Stück Oberleder erinnert: Man zieht und zerrt, man klopft und hämmert, doch statt einer passgenauen Form entsteht am Ende oft nur Lärm und Schweiß. In unserer Zeit, so scheint es mir aus meiner bescheidenen Werkstattperspektive, ist das Gespräch zu einer Schlacht verkommen. Man rüstet sich mit Argumenten wie mit blankgeputzten Ahlen, nicht um zu gestalten, sondern um zu stechen. Der Gegenüber ist kein Gast in unserem Denkraum mehr, sondern eine Festung, die es zu schleifen gilt.

Dabei übersehen wir das eigentliche Paradoxon des Gewinns. Wenn ich als Schuhmacher feststelle, dass mein Leisten für den Fuß des Kunden zu schmal gewählt war, und ich mich durch den schmerzverzerrten Blick des Trägers eines Besseren belehren lasse – habe ich dann verloren? Mitnichten. Ich habe die Chance gewonnen, einen Schuh zu fertigen, der nicht drückt. Wer sich von einem guten Argument überzeugen lässt, erleidet keinen Gesichtsverlust; er weitet seinen Horizont. Es ist, als würde man ein enges Zimmer verlassen und plötzlich die Weite der nordsächsischen Tiefebene vor sich sehen. Man ist danach nicht ärmer, sondern reicher um eine Erkenntnis.

Was uns heute jedoch am meisten fehlt, ist der Mut zum „Vielleicht“. Dieses kleine, fast schüchterne Wort ist der Kitt einer freien Gesellschaft. Es ist die Einladung an den anderen, sich dazuzusetzen. Wenn ich sage: „Vielleicht haben Sie recht“, dann öffne ich die Tür einen Spaltbreit und lasse frische Luft herein. Heute jedoch herrscht die Angst, diese Tür auch nur anzulehnen. Wir leben im Zeitalter des digitalen Archivs, in dem jedes unfertige Wort, jede flüchtige Meinung wie in Stein gemeißelt überdauert. Die Freiheit, sich einmal prächtig zu irren, laut nachzudenken oder eine Meinung wie ein Probestück Leder einfach mal wegzuwerfen, ist uns abhandengekommen. Wer heute „Vielleicht“ sagt, gilt oft als schwach, dabei ist es die höchste Form der geistigen Souveränität.

Stellen wir uns doch einmal vor, eine Diskussion wäre keine Frontlinie, sondern eine Einladung. Ein gemeinsames Betrachten eines Problems von verschiedenen Seiten, so wie man ein Paar Wanderstiefel prüft, bevor man sich auf den Weg zum Collm macht. Wir müssten nicht siegen, wir müssten nur verstehen. Das würde den Blutdruck senken und den Verstand schärfen.

Vielleicht – und da ist es wieder, dieses wunderbare Wort – sollten wir uns darauf zurückbesinnen, dass ein Gespräch kein Duell ist, sondern ein Handwerk. Und ein guter Handwerker weiß: Nur wer bereit ist, sein Werkzeug auch mal anders anzusetzen, wird am Ende ein Ergebnis erzielen, das die Zeit überdauert.

Ihr Karl Pfefferkorn

Mit nachdenklichen Grüßen aus der stillen Schuhmacherstube.


Karl Pfefferkorn (1897-1961)
Schuhmachermeister zu Großsteinberg